Wandelnde Modeblogs und Nico schnallt echt gar nix I

Logbuch des Autors:

irgendein Arbeitstag in der Weihnachtszeit, die offenbar begonnen hat

Weihnachtsmarkt Duisburg

Weil das hier ein Rückblick ist, liegt die Frau, die in unserer Wohnung lebt, noch im Krankenhaus. Das ist für das Verständnis dieses Artikels relativ irrelevant, allerdings hat die jüngste Vergangenheit gezeigt, dass Dinge, die mir persönlich doch eher wie Randnotizen erscheinen, für andere Menschen ganz interessant zu sein scheinen. Das ist übrigens das Grundprinzip der modernen Literaturwissenschaft:
Es spielt keine Rolle, was sich der Autor bei einem Text gedacht hat oder was er bezwecken wollte. Die Bedeutung entsteht beim Leser und ich bin geneigt, dieser Annahme Recht zu geben. Wäre es nicht so, gäbe es so etwas wie Interpretationen nicht und Literatur wäre ziemlich langweilig. Ist sie beizeiten auch, bis man sich ein wenig eingehender mit ihr befasst. Ich habe mich nie für Goethe interessiert. Dann habe ich ihn kennengelernt. Nicht persönlich. Das wäre ein wenig gewinnbringender Moment gewesen. Ich habe meine Bachelorarbeit über ihn geschrieben und werde mich auch in der Masterarbeit zumindest teilweise mit ihm befassen. Macht mich das zu einem verstaubten Bücherwurm? Vielleicht. Andererseits lese ich mir manchmal meine eigenen Artikel hier durch und komme zu dem Schluss, dass es nur schwer vorstellbar ist, dass hier ein bücherfressender Hochschulabsolvent schreibt.

Soviel zum theoretischen Teil. Tatsache hingegen ist, dass ich neben dem Studium einem Job nachgehe, der es mit sich bringt, dass zur Weihnachtszeit ein Stand auf dem hiesigen Weihnachtsmarkt besetzt werden muss, um interessierte Menschen vom Artenschutz zu überzeugen. Und davon, in den Zoo zu gehen, weil man dort einfach eine Menge lernen kann. Letztens war so ein Tag, an dem ich den Stand besetzen musste.

10:17 Uhr
Ich bin gerade eben losgefahren und noch ganz hibbelig vom Lauf vorhin. Zu allem Überfluss geistern mir tausend Gedanken durchs Hirn. Über neue Inhalte zur Rubrik Junggeselle auf Zeit, über die Fortsetzung der Serie über den Neongelben Ninja und ob ich die Frau, die vorübergehend nicht in unserer Wohnung lebt, angesichts dieses Textes nicht langfristig als Gastautorin beschäftigen sollte. Kreative Schübe in ungünstigen Momenten. Würde gerade lieber garnelengleich auf dem Sofa liegen und Artikel schreiben. Damit der Wust in meinem Kopf nicht umsonst ist, spreche ich alles stichpunktartig ins Diktiergerät, das wie ein Smartphone aussieht, weil es faktisch eines ist.

10:45 Uhr
Ich bin angekommen. Ich bin euphorisch. Heute wird ein guter Tag. Die Sonne scheint, der Stand ist gar nicht so extrem kalt, was natürlich nicht bedeutet, dass er nicht kalt ist. Glücklicherweise haben wir zwei Gas-Radiatoren im Stand stehen, weshalb man immer in Bewegung bleibt. Man muss sich regelmäßig wenden, um keine Verbrennungen auf einer Körperhälfte zu bekommen.

10:59 Uhr
Gleich geht’s los! Die Kasse ist angeschaltet, die für den Verkauf vorgesehenen Kuscheltiere sehen verdammt niedlich aus und es wäre ein Wunder, wenn ich nicht heute endlich mal diesen weißen Plüsch-Affen verkauft bekomme. Ich lege dies als meine Tagesaufgabe fest. Verkaufen! Der Geist der Weihnacht hat nun auch mich erfasst. Heute wird alles gut laufen.

11:01 Uhr
Es ist relativ langweilig. Ich denke an alle möglich Dinge. Dann denke ich kurz an etwas anderes . Danach wieder an alles mögliche.

11:54 Uhr
Es passiert tatsächlich relativ wenig. Menschen hasten vorbei, bleiben kurz stehen und schauen verwirrt. Ein älteres Ehepaar tritt näher.

„Verkaufen Sie hier auch Karten?“

„Vom Zoo? Ja.“

„Nein, vom Theater.“

„Eigentlich nicht, aber ich glaube, dass Ihnen zuhause noch dieser weiße Affe hier fehlt.“

„Wissen Sie denn, wo ich Karten bekommen könnte?“

Ich schicke die beiden weiter zum Stand der Stadt Duisburg. Eine Frau mit Einkaufswagen und dicker Pudelmütze bleibt vor mir stehen. Sie ist offensichtlich obdachlos und befördert in ihrem Einkaufswagen wohl ihr gesamtes Hab und Gut von A nach B. Sie trägt einen dicken Ring am Ringfinger. Dort, wo man normalerweile Getränkekisten abstellen kann, liegt ein Aktenordner. Im Wagenkorb befinden sich bunte Taschen, die zwar etwas verdreckt sind, aber ordentlich nebeneinander stehen.
Es ist schwer zu erkennen, wie alt die Frau ist. Es könnte alles zwischen 35 und 50 sein. Sie wirkt ganz freundlich und schaut sich den Stand an. Ihre Haut ist faltig und – wie man so schön sagt – vom Leben auf der Straße gezeichnet. Die Haut eines Menschen, der viel Zeit im Freien verbringt. Das stößt mich auf die Frage, ob die Frau freiwillig oder unfreiwillig auf der Straße lebt. Es soll tatsächlich beides geben. Sie fragt, ob sie sich einen Gewinnspiel-Flyer von einem unserer Sponsoren – einem Reiseunternehmen – mitnehmen darf. Sie darf natürlich. Sie bedankt sich und lächelt, verstaut den Flyer in einer ihrer Taschen. Sie verabschiedet sich und ist verschwunden.

12:02 Uhr
Ich lese einen Blogartikel über innere Angelegenheiten. Zwei Polizisten laufen am Stand vorbei. Reflexhaft schiebe ich das Handy beiseite, weil ich mich ertappt fühle. Ich möchte meinen Führerschein nicht verlieren und tu ganz teilnahmslos. Dann fällt mir auf, dass ich nicht im Auto sitze und demnach auch nicht wegen Telefonierens am Steuer verknackt werden kann.

12:16 Uhr
Eine Frau mit Pelz und Sonnenbrille interessiert sich für den Zoo und Artenschutz. Wir unterhalten uns kurz über den Wandel der Zeit und sie spendet zwei Euro. Ich werfe ihr vor, dass sie damit doch nur ihr Gewissen beruhigen möchte. Sie ignoriert mich. Wahrscheinlich, weil ich es ihr nur in Gedanken vorgeworfen habe.

12:29 Uhr
Gegenüber ist der Stand von Käthe Wohlfahrt. Käthe Wohlfahrt ist eine unglaublich produktive Frau, die den gesamten Globus mit allerlei nostalgischem Firlefanz versorgt. Ich habe noch nie etwas bei ihr gekauft, gehe aber gerne in ihre Läden auf dem Weihnachtsmarkt. Ich frage die Verkäuferinnen dort gerne, ob sie Käthe seien. Sie sind es nicht. Käthe ist nie dort, was den Eindruck verstärkt, dass es auch auf dem Weihnachtsmarkt nur um den Profit geht. Handarbeit hin oder her. Jetzt gerade fällt bei Käthe schon wieder etwas aus Glas auf dem Boden. Da dürfte nicht mehr viel im Regal stehen, so oft, wie dort etwas zu Bruch geht. Vielleicht führe ich diesbezüglich eine Strichliste.

12:30 Uhr
Ich habe gerade beschlossen, eine Stunde lang eine Smartphone-Strichliste zu führen. Festgehalten werden soll, wieviele Menschen mit ihrem Handy in der Hand rumlaufen. Außerdem halte ich separat fest, wieviele dieser Menschen nicht ansprechbar sind und nur aufs Display starrend durch die Menge laufen.

12:31 Uhr
Die Idee ist gut, aber ich spüre die Doppelmoral meines Handelns, denn während ich die Passanten für ihre Handygewohnheiten verurteile, schiele ich immer mal wieder auf meinen schwarzen Klotz, der mich über aktuelle Ereignisse der eher unerheblichen Art informiert.

12:41 Uhr
Zehn Meter vom Stand entfernt steht ein Mann, der sich mit irgendjemandem unterhält. Er macht sich gerade seine Schuhe zu, richtet sich anschließend auf, nimmt sein Bier und geht weiter. Dabei setzt er seine Unterhaltung fort. Vielleicht telefoniert er.

„Ey Nico, Alter. Du schnallst gar nix!“

Er telefoniert nicht. Mit dem Rücken zum Stand bleibt er stehen und schimpft gestikulierend weiter auf Nico ein. Ich beobachte ihn. Plötzlich dreht er den Kopf zu mir. Sehen Betrunkene mehr? Können alkoholisierte Menschen Blicke spüren? Schließlich stand er vorher mit dem Rücken zu mir. Mir bleibt keine Zeit, darüber nachzudenken, weil der Mann einen Schritt auf mich zu macht. Nun schimpft er mit mir.

„DU schnallst auch nix!“

„Affe?“, biete ich ihm ein Kuscheltier an, um die Situation zu retten.

Der Mann geht weiter, als hätte er mich gerade nicht angesprochen. Vielleicht möchte er auch einfach keinen Affen haben. Während er in der Menge verschwindet, höre ich ihn weiter mit Nico diskutieren. Beide tun mir leid. Der Mann, weil er mit jemandem schimpft, der nicht da ist und Nico, weil er eben Ärger kassiert.

Und während ich da stehe und mich langsam damit abfinde, dass ich nicht alle Menschen verstehen kann, spüre ich, wie mein linkes Hosenbein zu brennen anfängt.

Hier geht’s zum zweiten Teil!

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6 Kommentare

  1. Masterarbeit über Goethe – das wird sicher toll. Ich habe meine über Thomas Mann geschrieben, da bleibt Goethe nicht weit weg 😉 Zudem habe ich Goethes Gesamtwerk für die Masterprüfung gelesen. Es ist toll. Und gar nicht verstaubt, irgendwie oft gar sogar aktuell, weil Menschen vielleicht immer Menschen bleiben – und damit Beweggründe sich ähneln, damals wie heute. Aber das war nur eine Randnotiz zu deiner Randnotiz 😉

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