Anhalter und Unfälle

Die Adventszeit bringt es mit sich, dass man sich mit Freunden trifft, die man vielleicht nicht mehr so häufig zusammen bekommt, wie es vor einigen Jahren noch war. So auch gestern, was mit einer Hinfahrt und einer Rückfahrt mit dem Automobil geschehen musste. Das ist ein relativ unpraktisches Gefährt. Man schmelzt diverse Erze, die man unter teils bedenklichen Bedingungen aus der Erde gewinnt, formt daraus eine Karosserie und andere Dinge, stattet das Teil mit allerlei Plastikutensilien aus und baut einen Motor ein, dessen Treibstoff-Gewinnung aus ökologischer Perspektive ebenfalls bedenklich ist. Als Dank spuckt einem dieses Automobil dann CO2 aus und befördert einen von A nach B. Gestern waren das lächerliche 30 Kilometer pro Fahrt, was absurd wenig ist, wenn man den Aufwand der Herstellung bedenkt.

Die Hinfahrt wird noch Thema sein. Hier geht es um einen Teil der Rückfahrt, weil mir das seit gestern auf der Seele lag und heute plötzlich wieder in den Vordergrund gerückt wurde.

Ich bin auf dem Rückweg durch die Innenstadt von Düsseldorf gefahren und durch den Stadtteil gefahren, in dem auch das Amts- und Landesgericht wohnt. Exakt auf Höhe des Gerichts fielen mir zwei Personen auf, die sich beim genaueren Hinsehen als ein Pärchen entpuppten. Sie machte ein paar Schritte in Richtung der Straße und hielt den Daumen raus. Der erste Gedanke war, woher die beiden gerade kamen. Der zweite, dass in der Nähe des ZAKK ist, in dem häufiger Veranstaltungen stattfinden. Soweit nicht ungewöhnlich, dass hier gegen kurz nach 23 Uhr noch Menschen unterwegs sind. Ich bin trotzdem weitergefahren.

Was wäre gewesen, wenn ich dieses Pärchen aufgegabelt hätte? Oberbilk ist stellenweise nicht gerade unkritisch, zumal gerade dieser Punkt am Gericht nicht zu meinen bevorzugten Wohngegenden zählt. Es war also eine Entscheidung von Sekundenbruchteilen, ob ich die zwei mitnehme oder nicht. Ich habe mich dagegen entschieden, weil ich vermutete, dass man sich bei Fremden einfach nie sicher sein kann. Das ist eine unfassbar blöde Behauptung, aber dürfte wohl weit verbreitet sein. Man muss mir zugute halten, dass ich nicht zum Rundumschlag aushole und Unbekannten generell schlechte Absichten unterstelle. In dem Moment gestern war es die Situation, der Ort, die Uhrzeit. Nichts von Belang, wenn man darüber nachdenkt.
Die Minuten danach habe ich damit verbracht zu überlegen, warum die zwei nicht einfach eine Bahn nehmen. Denn gerade an dieser Stelle fahren diverse Linien. Eventuell wäre es unsinnig gewesen auf eine Bahn zu warten, weil die zwei es nicht mehr weit gehabt hätten. Kenne ich jemanden aus dieser Umgebung, der das hätte sein können? Ich glaube nicht. Aber wenn die es nicht mehr weit gehabt hätten, warum dann den Daumen raushalten? Sollte Sie einen Autofahrer locken, der anhält, damit Er diesen dann ausraubt?

Das sind so unnötige Gedanken, die mir in dem Moment durch den Kopf gehen. Ich denke zuviel. Vor allem jetzt, weil ich vorhin in der Online-Ausgabe der RP Düsseldorf gelesen habe, dass sich heute nacht nur eine Querstraße weiter ein schwerer Unfall ereignet hat, bei dem zwei Fußgänger schwer verletzt wurden.

Das macht nachdenklich. Hätte ich die beiden mitnehmen sollen? Bin ich zu kritisch? Auch mit mir? Vielleicht handelt es sich um zwei unterschiedliche Pärchen, aber der Grundgedanke bleibt der gleiche: Hätte das nun verletzte Pärchen den Daumen rausgehalten, ich wäre auch bei ihnen weitergefahren. Nur weil es sich um die Grenze von Flingern Süd zu Oberbilk handelt. Weil es dunkel war.

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9 Kommentare

  1. Du läufst voll in die Falle, gedanklich Verantwortung für zwei Menschen zu übernehmen, die das sicherlich auch gut allein hinbekommen. Selbst wenn es die beiden waren, ist deine Entscheidung, sie nicht mitzunehmen nur seeeeehr begrenzt Unfallgrund, gering genug, um nicht verantwortlich zu sein, weil sie von deiner Entscheidung an noch zahlreiche weitere getroffen haben. Also grämen dich weniger.

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  2. Ich stoße gerade überall auf Diskussionen zum Thema Zufall oder Kausalkette…das beschäftigt mich jetzt ziemlich. Dieser Post stellt ja indirekt auch diese Frage. Wäre ein Leben, bei dem man sich vorstellt, es funktioniere alles nach dem Schmetterlingseffekt nicht furchtbar belastend? Weil ich jemanden schief angucke wird er zum Obdachlosen usw. Vllt will ich es deshalb „Zufall“ nennen. Weil ich Angst vor Verantwortung habe? Die ich objektiv betrachtet gar nicht übernehmen müsste. Aber es trotzdem tue. Oh je, das artet aus hier, bitte entschuldige den langen Kommentar 🙂

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    • Das ist unentschuldbar! 😉
      Ich glaube schon, dass alles in irgendeiner Form zusammenhängt. Allerdings nicht radikal. Ich glaube nicht, dass mein Vorbeifahren irgendetwas verändert hat. Es kann aber meiner Meinung nach nicht schaden, sich von Zeit zu Zeit unter der Überschrift „Die Konsequenz von Handlungen“ mal solche Gedanken zu machen.

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      • Der Gedanke gefällt mir eigentlich ganz gut 🙂
        Vermutlich wird es in meiner Gedankenwelt drauf hinaus laufen, dass ein Zufall Kausalketten hervorrufen kann, die sowohl von anderen Kausalketten, als auch von weiteren Zufällen beeinflusst werden.

        Aber ja, viele machen sich zu wenig Gedanken über das, was sie tun und sagen.

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  3. Ich erinnere mich noch daran, dass ich vor Jahren (bestimmt schon einem guten Jahrzehnt) mal einen Anhalter mitgenommen habe. Es regnete und zwischen den Dörfern dort, wo ich herkomme, liegt immer ziemlich viel Niemandsland. Das war eine genauso spontane Entscheidung, wie Dein Vorbeifahren. Aber die ganze Zeit über, während er im Auto saß und mir erzählte, wohin er wolle und was er so mache, hatte ich Angst. Danach hab‘ ich nie wieder jemanden mitgenommen.

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  4. „Witzig“ mir „sprangen“ vor zwei Wochen ebenfalls drei Jungs (eigentlich) vors Auto, mit einem Schild in der Hand, welches zeigte sie wollten in die andere Richtung als ich … Es war kalt und ich hab auch gegrübelt, ob ich sie mitgenommen hätte wenn die Richtung gestimmt hätte … NEIN! 3 fremde Männer sind mir mindestens 2 zuviel …. Außerdem muß ich das Auto dann umbauen – da hinten alles auf 2 Hunde eingerichtet ist

    Bin ich mit meinem „Galan“ unterwegs kommt es eher vor, dass wir z.B. einen „verunfallten“ (patschen im Reifen) Radfahrer heimbringen

    Womit ich nie ein Problem habe, ältere Passanten bei starker Schnee/Eislage oder strömenden Regen zu fragen ob ich sie ein paar Meter mitnehmen soll …. Das traurige ist ja, dass viele Pannen oder „Notfälle“ faken und dann Hilfsbereite ausrauben, dies liest man zumindest immer öfter in den Medien, vorriges Jahr, scheint es hat wieder etwas abgenommen … aber das hämmert halt im Gehirn und im Endeffekt gewinnt der Überlebensinstinkt … deshalb ist man noch kein schlechter Mensch …

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