Wie ich Heidi Klum wurde

Topmodel_Beitragsbild

Ich sitze auf einem sehr unbequemen Stuhl. Ich führe die Umbequemheit des Stuhls darauf zurück, dass das Sitzpolster dort, wo die Chefin dieses TV-Formats normalerweise ihre Gesäßknochen hineinbohrt, dauerhaft beschädigt ist. Frau Klum ist nur noch selten hier und das hat Gründe. Einer davon hat mit Frau Klums unendlich hoher Stimme zu tun. Weil das Produktionsteam seit Jahren dasselbe ist, werden auch die Team-Mitglieder langsam älter. Das äußerst sich bekanntlich durch Hörverlust. Zunächst in den oberen Frequenzbereichen. Um es kurz zu machen, haben zwei Drittel des Produktionsteams in den vergangenen vier Jahren kein Wort von dem hören können, was Frau Klums Lippen verließ. Es mussten eigens für dieses TV-Format gecastete Delfine eingestellt werden, die als Dolmetscher dienten und Heidis hochfrequente Sprache übersetzten. Dummerweise sind Delfine über Wasser so gut wie taub. Heidis Gequieke verlor aber unter Wasser, wo die Delfine etwas hätten hören können, seinen letzten Rest Artikulation. Die Delfine wurden anschließend entlassen und sind nun arbeitslos Es gab keine Verwendung mehr für sie. Denn Heidi wurde ebenfalls gefeuert.

Neben mir sitzen zwei kuriose Gestalten, mit denen ich in den vergangenen Wochen kein bisschen warm geworden bin. Das habe ich gelegentlich. Der eine – Tommy nenne ich ihn, was ihn wenig erfreut – war sogenannter Art Director. Ein Kunstdirektor. Kunstdirektoren tragen große Verantwortung. Beispielsweise hat das Goethemuseum in Düsseldorf einen Kunstdirektoren, dessen Aufgabe es ist, auf Tagungen weise Worte mit bedeutungsschwangerer Stimme vorzutragen. Ich erinnere mich, dass ein Professor aus einem Seminar der ehemalige Leiter des Goethemuseums in Düsseldorf war. Er ging in Ruhestand und widmete sich künftig seinem akademischen Werdegang. Er hielt Vorlesungen, die ihrem Namen alle Ehre machten, denn er las tatsächlich anderthalb Stunden vom Blatt ab. Es schien für ihn lediglich ein Hobby zu sein, denn niemand – nicht einmal seine Kollegen, die sich ein Büro mit ihm teilten – konnte mir auf Nachfrage mitteilen, wann er wieder vor Ort wäre. Stattdessen erhielt ich seine private Telefonnummer. Dort erreichte ich ihn auch nicht, weil er zu dem Zeitpunkt in der Toskana urlaubte. Nichtsdestotrotz ein ehrenhafter Herr, der sein Leben einem Dichter widmete und es noch immer tut.

Tommy ist nichts von alledem. Er ist Art Director bzw. Creative Director und trägt die Verantwortung über seinen lüsternen Blick und seine Lederjacke. Ein Werber. Ein Ewigjunger, der nicht verstanden hat, dass er nicht mehr jung ist. Daran ändert auch sein Anglizismendeutsch nichts. Es unterstreicht vielmehr seine Hilflosigkeit, derer er sich unter all den schrill kreischenden Küken langsam gewahr wird. Gerade spricht Tommy zu einem Küken.

„Das war ok, aber das war nicht wirklich so irgendwie so, weißt du so?“

„Ja, ich weiß, was du meinst. Danke.“

Ich habe nicht geringste Ahnung, wovon die beiden da reden. Das Wörtchen „so“ ist in den vergangenen Jahren in der Kommunikation mancher Kandidatin zum wesentlichen Bestandteil geworden. „So“ ist der Marker für Kritik unter Gleichgesinnten. Man muss dem anderen etwas sagen, aber drückt sich gleichzeitig darum. Genial!  Tommy fährt fort.

„Aber dein Talent wird dir morgen sehr, sehr weiterhelfen. Vergiss deine line nicht.“ 

Ich übergebe mich kurz hinter meinen Stuhl, weil das Verb „weiterhelfen“ nach meinem Grammatikverständnis eigentlich nicht verstärkt werden kann. Es ist ein Verb!

(In diesem Zusammenhang: Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland hatte ein gewisser Xavier Naidoo eines seiner Lieder umgetextet. Eine Passage in der neuen Version lautete: „…denn diese Nation steht hinter euch und zwar sehr.“ Man kann nicht sehr stehen. Geht einfach nicht. Man steht oder man steht nicht.)

Ich muss Micky (auch er ist mit seinem Spitznamen nicht einverstanden, was ich gütig ignoriere) mal fragen, was Tommy mit „line“ meinte. Drogen sind hier offiziell verboten. Essen auch, weil es unter Umständen die selben Hirnareale wie Rauschmittel bedient. Heidi hat vor dieser Staffel einen Diavortrag gehalten und währenddessen Fotos von Menschen vor und nach dem Essen gezeigt. Es ist erstaunlich, wie schnell sich der Konsum von Essen auch auf den Körper auswirkt. Von der geistigen Abhängigkeit mal ganz zu schweigen.

Micky ist im Grunde der Normalste in dieser Sendung, was schon was heißen soll. Mit seinem Wesen kann ich mich schon am ehesten anfreunden. Außerdem war er mal bei einem Sportartikelhersteller verantwortlicher Design-Chef. Und seit die Geschichte zweier Brüder, die zunächst gemeinsam, anschließend im Groll getrennt Sportartikel fabrizierten, im freien Fernsehen lief, weiß jeder, dass ein Bruder der Gute war. Der andere hingegen war eher der Böse, weil Nazi.

Das suggeriert zumindest der Film. Deutsche Filme kommen übrigens nie umhin, sich mit Nazis zu befassen. Wichtiges Thema, aber der Aufbau deutscher Filme ist stets ermüdend gleich gestrickt: Die jungen Brüder/Geschwister, der gemeinsame Traum, die Frauengeschichten, der erste Streit, die Nazis, das familiäre Zerwürfnis, das glückliche Ende. Abgesehen vom letzten Punkt auf beinahe jeden Film übertragbar.

Natürlich war Micky Design-Chef beim guten Bruder. Was mich an beiden – Tommy und Micky – stört, ist, dass beide nicht in der Lage sind, einen glaubhaften Konkurrenzkampf zu inszenieren. In dieser Staffel gibt es zwei Teams. Affig genug, dass man heute jede Castingsendung mit Teams durchführen muss, und dann schaffen es weder Tommy noch Micky, für ordentlich Zunder zu sorgen. Was Heidi sagte, solange sie noch hier war, wurde prinzipiell wiederholt. Man war stets einer Meinung. Öde. Das ist überhaupt ein interessanter Kunstgriff heutiger TV-Formate. Dinge, die im Untertitel erscheinen oder gesprochen werden, erfahren kurz darauf durch eine weitere Person ihre Wiederholung. Oftmals wortwörtlich. Eine Kandidatin hatte neulich mit irgendeiner Sache ein Problem.

„Das ist mir unangenehm.“

„Du, ich merke, dass dir das unangenehm ist. Stimmt das?“

Es stimmte und die Kandidatin war sichtlich erleichtert, dass Tommy durch bloßes Zuhören in der Lage war, die Tragweite ihrer Äußerung „Das ist mir unangenehm.“ zu erfassen.

Mir hingegen ist etwas ganz anderes unangenehm. Abgesehen von diesem furchtbaren Jurorenstuhl, dessen Polsterform sich langsam auf mein Gesäß überträgt, wird alle paar Minuten irgendeine Marke eingeblendet. Was der Zuschauer zuhause nicht weiß: Diese Werbung wird nicht nachträglich in der Bildregie eingeblendet, sondern während des Drehs vor die Kamera gehalten. Die ohnehin spärlich gesäte Natürlichkeit geht dadurch gänzlich verloren. Damit aber nicht genug. Alle Beteiligten müssen betont beiläufig bestimmte Marken konsumieren. Dass ein Autohersteller dieses Format schamlos für seine Zwecke missbraucht, ist bekannt und mir relativ egal. Aber wir müssen nun Fressmer Tee saufen. Die Plörre schmeckt nach Arschwasser und soll von freilaufenden Hagebutten stammen. „So healthy!“, wie Tommy zu näseln pflegt. Alle Kandidatinnen haben nach dem ersten Schluck Durchfall bekommen. Weil ich über die eine Woche, die wir dadurch verloren (Dreharbeiten ohne Nebengeräusche waren nur noch bedingt möglich), einigermaßen erzürnt war, habe ich eine Kandidatin rausgeschmissen. Offiziell wegen ihrer Lungenentzündung. Tatsächlich war es aber so, dass wir überdurchschnittlich oft Filmmaterial ausstrahlten, das die Kandidatin nach dem Trinken eines Glases Fressmer Tee zeigte. Folglich war sie oft kränkelnd auf dem Bildschirm zu sehen. Das ist meine neu erlangte Machtposition und ich nutze sie schamlos aus. Wie es Heidi zu tun pflegte.

Die hatte davon übrigens nichts mehr mitbekommen, weil sie vorher rausgeschmissen wurde und sich nicht mehr am Set aufhalten durfte. Was der Zuschauer in der entsprechenden Folge von Heidi sah, waren Archivaufnahmen. Nun muss und darf ich sie so gut es geht ersetzen, damit die Mädchen (die sie tatsächlich sind! Ich meine mich zu erinnern, dass in den ersten Staffeln tatsächlich junge Frauen konkurrierten.) das Gefühl haben, es wäre alles normal. Es ist wie mit Tieren. Die spüren Veränderungen und verstehen sie nicht, auch wenn man sie ihnen erklärt. Mir ist es gelegentlich relativ egal, ob die Kandidatinnen bemerken, dass Heidi nicht mehr da ist, und ziehe mein Ding durch.

Deshalb sitze ich gerade gelangweilt zwischen Tommy und Micky und stecke mir aus purer Provokation eine Zigarette an. Ich rauche nicht. Heidi Klum raucht auch nicht. Das hat mich aber noch nie daran gehindert, zu rauchen.


Der ausschlaggebende Punkt, weshalb Heidi gefeuert wurde, was eine Diskrepanz ist und mobbende Weiber: Das lest ihr im zweiten Teil, der schon in den Startlöchern steht! Hier, im Dampfbloque. Nicht auf Facebook.

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27 Kommentare

  1. Ach ja – damals, als ich diese roten Haare von hinten sah. Backstage. Also, im Fernseher natürlich. Und dann eine Staffel GNTM gucken mußte, weil ich spontan gesagt hatte: „Fahrt die Kamera zurück, ich will die Haare noch mal sehen!“ und „Geil! Die gewinnt!“

    Das waren noch Zeiten.

    Ein Werber. […] Daran ändert auch sein Anglizismendeutsch nichts

    Marketing-Sprech. Der allerdümmste Dreck des Planeten, noch vor „Politisch“. Mehrere Sprachen gleichzeitig massakrieren, von denen keine beherrscht wird – ich hasse diese Typen. Inbrünstig.

    Die Plörre schmeckt nach Arschwasser und soll von freilaufenden Hagebutten stammen

    Überaus brillanter Satz. In seiner verbalen Direktheit überzeugend und klar umrissen 😀
    Rettet meinen Tag. Sehr.

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  2. Genau das hab ich mir auch gedacht beim adidas vs. Puma-Film. Eigentlich ist mir ja kein historischer Film zu öde, aber die Handlung war so! vorhersehbar. Super geschrieben, hatte beim Lesen die ganze Zeit das Bild vor Augen, wie du dich Runde um Runde in diesem Stuhl drehst ^^ Obwohl, können die ihre Stühle überhaupt drehen? Ich hab vor zwei Staffeln aufgegeben, spare meine Kräfte lieber für den Bachelor.
    Liebe Grüße, Svenja

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  3. Ich kann es mir einfach nicht verkneifen, Dich darauf hinzuweisen, dass in der zitierten Liedzeile vom Retter des deutschen Liedgutes, am Ende das schöne Wörtchen „weit“ fehlt. Dann stimmt auch die Aussage!
    Das Fehlen ist wahrscheinlich dem viel gelobten Nuscheln verschuldet, was unser aller Retter als Kunstform erhoben hat.
    Sonst kann ich nur sagen: Witzig!

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      • Na ja – stehen wir nicht alle sehr weit hinter der Nationalmannschaft, wenn wir vor den Leinwänden die Spiele verfolgen? In die erste Reihe schaffe ich es zumindest nie – Trotz des Werbeslogans mit der ersten Reihe.
        PS: Im Falle einer Revolution stände ich auch ganz gerne in der letzten Reihe – auch wenn ich bezweifle, dass unsere Mannschaft dieses Jahr revolutionär spielen wird. Aber das ist ein anderes Problem.

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