Der Pessimismus der 80 Millionen Bundestrainer

2016-06-12 19.39.48

Vor der EM 2016 ist nach der WM 2014. Vor der EM 2016 ist alles scheiße und so ist es auch kaum verwunderlich, dass es das auch nach der WM 2014 ist. Es scheint ausgeschlossen, dass ein Erfolg als solcher uneingeschränkt gefeiert werden kann oder Niederlagen sachlich oder zumindest der Wahrheit entsprechend analysiert werden können. Blicken wir zurück:

Die Zeit nach der Weltmeisterschaft in Brasilien war vor allem dadurch gekennzeichnet, dass man insbesondere in den sozialen Medien den Erfolg zu analysieren versuchte. Dabei fiel vor allem auf, dass es einigen von uns Deutschen wohl unfassbar schwer fällt, einen Erfolg nicht zu relativieren. Das zeigte sich schon im Verlauf der Weltmeisterschaft. Die Vorrunde habe man ja schon die Schwächen offenbart und es war einzig eine glückliche Fügung, dass die dann folgenden Gegner diese nicht auszunutzen versuchten. Spanien war in der Gruppenphase ausgeschieden, was man ebenfalls als Dusel für die deutsche Nationalmannschaft bezeichnete. Wäre Spanien weitergekommen, hätte Deutschland keine Chance gehabt! Nun kam Spanien nicht weiter und Deutschland wurde Weltmeister. Das sei kein Wunder gewesen, denn Deutschland habe es mit ausschließlich leichten Gegnern zu tun gehabt. Leichte Gegner, die es gegen andere Mannschaften ins Achtel-, Viertel, Halbfinale und schließlich ins Finale schafften. Folgerichtig nahmen an dieser Endrunde nur schwache Mannschaften teil.

Sofern es dann in derartigen Diskussionen doch jemanden gab, der der deutschen Mannschaft die Qualität nicht absprechen wollte, kritisierte er einzene Charaktere. Dabei zeigt sich ein interessanter Effekt, der vor allem bei älteren oder introvertierten Spieler zum Tragen kommt. Schon 2010 begrüßte manch einer die Verletzung von Michael Ballack, der das Spiel verschleppen würde, zu langsam sei. Dass er bei Chelsea als Stammspieler Teil einer Topmannschaft war, interessierte nicht. Es interessiert ohnehin nicht, denn in solchen Diskussionen geht es nicht um Fakten. Es geht darum, was Experten mal von sich gaben. Solche Äußerungen treten sich in der unreflektierten Übernahme durch die Masse fest und scheinen Fakt zu sein. Kurioserweise attestierte man der Mannschaft zu diesem Zeitpunkt das Fehlen eines „echten Leaders“, der Ballack gewesen sei. Wer solle die Mannschaft führen? Das Vorhaben Weltmeistertitel 2010 war zu Scheitern verurteilt. Die Kritiker behielten Recht. Ebenso wie bei der Europameisterschaft 2012.

Nach der WM 2014 ließ man sich in den Diskussionen über Spieler aus, die mitgeschleift wurden. Während des Turniers war es Schweinsteiger, der nicht topfit war und somit kein Recht hätte, dabei zu sein. Das Ende ist bekannt, Schweinsteiger war der gefeierte Held. Eine Ehre, die weder Podolski noch Özil zuteil wurde. Podolski sei technisch limitiert, lediglich für die gute Laune dabei. Eine Behauptung, auf die er kürzlich erst sehr deutlich Bezug nahm, was sein absolutes Recht ist.

Ein absolutes Reizthema beispielsweise in Facebook ist die Personalie Özil. Ich muss vorweg einwerfen, dass ich mich mit seiner Art des Spielens absolut identifizieren kann. Unauffällig und darauf bedacht, anderen die Bälle zu servieren. Ich persönlich muss keine Tore schießen. Das ist vielleicht ein Relikt aus meiner Zeit im Jugendfußball, in der ich Verteidiger war. Ich habe keinen Zug zum Tor, hampel nicht mit dem Ball herum, sondern verfahre nach dem Motto „Hier hast du den Ball in einer aussichtsreichen Situation. Mach was draus“. Dummerweise fällt man dadurch nicht auf. Man fällt auch durch gutes Stellungsspiel nicht auf. Allein mit den Kommentaren zu Özil, die sich irgendwie eingeprägt haben, könnte man wunderbar Bingo spielen. Vielleicht werde ich es gleich mit der Frau, die in unserer Wohnung lebt, spielen. Ein paar Beispiele:

„Das Spiel läuft bislang an ihm vorbei.“

„Er ruft sein Potenzial nicht ab.“

„Körperloses Spiel.“

„Abgemeldet.“

„Nicht sein Spiel.“

„Lustlos.“

„Schleicht über den Platz.“

„Ein Schatten seiner selbst.“

Oder im Internet:

„Totalausfall!“

„Schlaftablette!“

„Wir mussten mit zehn Spielern spielen!“

„Musste mitgeschleift werden!“

„Weckt ihn doch mal auf!“

Wer die englische Premier League verfolgt, wird vor allem eines mitbekommen haben. Özil lieferte in der vergangenen Saison 19 Vorlagen, die zum Torerfolg führten, was knapp unter dem bisherigen Rekord (20) liegt. Özil kreierte soviele Chancen wie kein Spieler zuvor in einer Saison. Özil gehört zu den laufstärksten Spielern der Liga. Das mag nicht so recht zu einem Spieler passen, dem man vorwirft, zu passiv zu agieren. Man sollte auch in Bezug auf die Nationalmannschaft mal den Fokus darauf legen, wie und wo er sich bewegt. Er besetzt ununterbrochen offene Räume und bindet damit oft zwei Gegenspieler. Wenn es das Spiel verlangt, lässt er sich tief in die eigene Hälfte fallen und holt sich die Bälle. Er geht häufig die unangenehmen, weil weiten Wege, was wiederum Gegenspieler bindet. Er geht in die Räume, wo der Ball hinkommen könnte. Und mit einer Höchstgeschwindigkeit von über 32 km/h ist er dabei längst nicht so langsam, wie man es ihm unterstellt. Die Dinge muten träge an, weil sie unspektakulär stattfinden.

Das kann man nicht wissen, wenn man sich mit Fakten nicht auseinandersetzen möchte. Die Ahnung von Millionen von Menschen stützt sich auf das Wiederholen von Phrasen, die irgendwo mal auftauchten, die niemand verwenden würde, wenn er wirklich wüsste, über wen und was da gerade geredet wird.

Aber es ist nunmal so, dass Menschen, die sich das übrige Jahr als Politikexperten hervortun und auch in Flüchtlingsfragen als Instanz auftreten, zu WM- und EM-Zeiten zu Bundestrainern werden. Und sie sind pessimistisch. Denn die Vorzeichen stehen schlecht. Erst heute schrieb meine Sport-App, dass die zwei enttäuschenden Auftritte der jüngsten Vergangenheit Grund zur Sorge gäben. Die enttäuschenden Auftritte wären zum einen das 1:2, das wenig Aufschluss über irgendetwas bot, außer, dass der Ball in Pfützen, die sich auf dem Rasen bildeten, gern einmal versandet. Dementsprechend wenig wurde im Nachgang über dieses Spiel geurteilt. Heute aber passte es der Redaktion der App in den Kram, also drücken wir mal ein wenig die Stimmung. Dass der Text das 2:0 gegen Ungarn ebenfalls als „enttäuschend“ bezeichnet, will mir nicht recht in den Kopf. Das Spiel war kein Feuerwerk, aber ein solider und zu keiner Zeit gefährdeter Sieg. Zumal Freundschaftsspiele bewusst als Testspiele bezeichnet werden. Es wird getestet. Schwierigkeiten dienen der Feinjustierung, die im Übrigen der Aufgabenbereich lediglich eines Mannes ist, der seine Spieler wohl besser als jeder andere einschätzen kann.

Wenn es nicht die spielerische Qualität der Mannschaft ist, dann muss es ein generelles Einstellungsproblem geben, das thematisiert werden muss. Was es die AfD-Petry angeht, wie ein Spieler seine Religion auslebt und in sozialen Netzwerken postet, erschließt sich mir nicht. (Petry warf Özil – wem sonst? – vor, nicht nach den Regeln der Scharia zu leben, was einer AfD, die bekanntermaßen wenig vom Islam hält, doch zur Freude gereichen müsste. Stattdessen kritisierte sie diesen Umstand. Warum auch immer.) Was sei denn das für eine Nationalmannschaft, die ihre eigene Hymne nicht mitsingt? Gestern Nacht kam ein Bericht über das Problem der Franzosen mit ihrer eigenen Nationalität. Der Front National verlangte von allen Spielern, die Hymne mitzusingen. Sonst seien sie keine echten Franzosen. Michel Platini, damals Vizepräsident des Organisationskomitees der WM 1998 in Frankreich, sang beim Finale Frankreichs gegen Brasilien die Hymne nicht mit. Als Franzose. Und es bedeutete rein gar nichts. Sämtliche Spanier singen ihre Hymne nicht mit. Haha…

Wenn Spieler die deutsche Nationalhymne nicht mitsingen, ist der Schluss, dass diese sich nicht mit Deutschland identifizieren, ein trügerischer. Denn an dem Bild, das die Nationalmannschaft insbesondere in den letzten zehn Jahren nach außen transportiert hat, waren sämtliche Menschen, die sich um die Deutschheit und die Grundeinstellung der deutschen Nationalmannschaft sorgten, gänzlich unbeteiligt.

Gejubelt wird natürlich trotzdem. Unter Vorbehalt! Denn selbst wenn das Ergebnis stimmt, könnte und wird es aus Sicht einiger so sein, dass an dem „Wie“ noch mindestens jahrelang gearbeitet werden muss. Das zeigt der WM-Titel 2014. Ein Unentschieden in der Vorrunde, 2:1 im Achtelfinale (erst nach Verlängerung!!!), nur 1:0 gegen Frankreich im Viertelfinale und nur 1:0 nach Verlängerung im Finale gegen Argentinien. Und dann ist da noch diese Sache mit der Hymne…und Özil. Zum Glück hat es auch mit ihm zum Titel gereicht. </ironie>

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5 Kommentare

  1. Ist schon eine komische Sache, dieses Schlechtreden. Wird in der Schweiz auch gern gemacht und ich frage mich, wie das in anderen Ländern aussieht… (das Mitsingen der Hymne war hier auch großes Thema. Auf Facebook kam dann ein schönes Video, dass sich unsere jetzigen Jungs mit dem Nicht-Mitsingen prima der Tradition anpassen. Die „reinblütigen“ Eidgenossen haben nämlich genauso wenig mitgesungen früher.)

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      • Nicht nur die Steilvorlage, übrigens treffenderweise ein Fußballbegriff, hast du nicht gegeben sondern damit sogar vorgeführt wie Fakten ignoriert werden wenn sie die diskussion in vielleicht nicht gewollte bereiche lenken könnten und damit die rhetorik dieser „80 Millionen Bundestrainer“ in die Abseitsfalle geschickt.

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  2. Mal ist man Hund, mal Baum. Und wenn in letzter Instanz aller Tage Abend ist, setzt das Feuilleton zum Siegeszug an, egal, wer das Tor gemacht hat. Jogis Fehlgriffe haben bisher noch jede Tragödie erträglicher gemacht. Skandale, Skandälchen, Beauty-Tipps vom Top-Stylisten der Nationalelf: Fußball 2.0. So sind die 80 Millionen Bundestrainer eben. Das sind keine 80 Millionen Feingeister.

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