Schicksalhaftes – Was an einem Tag im Oktober wirklich geschah

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Es ist der 19. Oktober. Ich fahre gerade auf der A3 Richtung Süden, um zurück in die Eifel, zurück in den Urlaub zu fahren. Von dort fuhr ich heute morgen um halb sieben los, um einen Tag ganz in der Nähe von Düsseldorf zu verbringen. Aus den Boxen dröhnt die neue Platte von Green Day, die ich aus einem bestimmten Grund mit dem Tag heute und dem Ort, an dem ich heute war, verbinde. Nach einiger Zeit wieder ein gutes Album. Wie krank, für nur einen Tag den Urlaub zu unterbrechen. Wie war es dazu gekommen?

25. August 2016

„Du musst Dir endlich mal eine Deadline setzen!“, schimpfe ich erbost, weil es mir langsam reicht.

„Vielleicht solltest Du Dir endlich mal eine Deadline setzen!“, schimpfe ich nicht minder erbost zurück.

Ich schimpfe mit mir selbst, denn wie es aussieht, sollte ich mir wohl endlich mal eine Deadline setzen. Ich bin unzufrieden. Mit mir. Mit der Art und Weise, wie man als Student einer Geisteswissenschaft ohne Pflichtpraktika gewissermaßen gezwungen ist, nach dem Studium noch mindestens einige Monate als niedere Arbeitskraft sein Dasein zu fristen. Wer stellt schon jemanden ein, der zwar theoretisch top gebildet ist, aber keinen Plan von der Berufspraxis hat? Welche Berufspraxis überhaupt? Was werde ich mit einem Master in Germanistik? Mich zog irgendwann die Werbebranche in ihren Bann, weshalb ich für mich entschied, dort Fuß fassen zu wollen. Das meißelt ein Praktikum nach dem Bachelor- bzw. Masterabschluss im Grunde in Stein. Denn „Texter“ kann man nicht studieren. Dass die Agenturen da erst einmal abtasten wollen, was jemand kann, ist nur verständlich.

Also werde ich nicht mit 30 Jahren mit dem Studium durch sein. Das wurde mir schlagartig klar, als ich am Abend vor meinem 30. Geburtstag nicht an meiner Masterarbeit saß, sondern überlegte, worüber ich bloggen könnte. Idiotisch. Ein Projekt ohne jeden zählbaren Nutzen, auch wenn ich mir immer einredete, dass ein Blog immerhin eine Art Arbeitsprobe darstellt. Trotzdem hangele ich mich von Woche zu Woche, von Monat zu Monat und warte darauf, dass mich die Muse küsst und ich in einer Art genialem Wahn die Masterarbeit beende.

Nun sitze ich Ende August vor einem neuentworfenen Konzept für die Masterarbeit und schimpfe mit mir. Weil ich endlich fertig sein will. Weil ich endlich einen geregelten Lebensrhythmus brauche. Man hört so oft, dass das Studentenleben ausgekostet werden solle. Das tat ich. Und zwar so lange, bis mir das Ausschlafen ein schlechtes Gewissen bereitete. Ich kann es nicht mehr leiden. Ich brauche einen Tapetenwechsel und bin mir gleichzeitig darüber im klaren, dass ich erst diese Arbeit beendet haben muss. Ich brauche einen Anreiz, den ich nicht habe. Es sei denn…

„Frau, die in unserer Wohnung lebt! Hol das Telefonbuch und unser bestes Pergament! Ich schreibe nun Bewerbungen!“

Sie bringt mir meinen Laptop. Das heißt, ich hole ihn mir nach Sekunden des Schweigens selbst und beginne, Stellenausschreibungen für Texter, Redakteure, Social-Media-Manager, Community-Manager und alles, was irgendwie mit Marketing und Text zu tun hat, zu suchen. Ich schieße im Grunde jeden Tipp, den man im Internet zum Thema „Wie schreibe ich ein gutes Bewerbungsanschreiben?“ findet, in den Wind, was ungemein befreiend wirkt. Letztendlich sitzt da niemand mit einer Checkliste in der Personalabteilung, der Bewerbungen bearbeitet. Entweder das Anschreiben sitzt oder eben nicht. Es gibt nicht viele Möglichkeiten. Sympathisch und unsympathisch. Ich finde mich in den Anschreiben unfassbar sympathisch, weil ich sie mit einem dicken Augenzwinkern schreibe.

Dann beginnt das Warten.

01. September 2016

Ich habe zahlreiche automatisch erzeugte Bestätigungsmails erhalten, aber noch keine ernstzunehmende Rückmeldung. Möglicherweise ist mein Marktwert altersbedingt im Keller und es wird doch auf ein Praktikum hinauslaufen. Vermutlich würde ich das nehmen, was ich kriegen kann. Und sei es ein Praktikum ab Januar 2017. Meine Deadline. Zum 01. Januar 2017 will ich eine feste Stelle haben, etwas Neues kennenlernen, Freunden endlich etwas erzählen, was sie noch nicht wissen. Ich gehe mir mittlerweile selbst auf den Senkel, weil sich nichts bewegt in meinem Leben. Vollkommene Ödnis, wenn man von der Frau, die in unserer Wohnung lebt, und durch einen glücklichen Zufall gefundenen neuen Freunden mal absieht. Der Countdown soll endlich zu laufen beginnen, damit ich den Arsch hochkriege. Wenn ich die Zusage hätte, würde ich mich, was die Masterarbeit angeht, nochmal richtig reinknien.

02. September 2016

Die erste Antwort. Kurioserweise von einer Agentur (Stelle A), bei der ich mich heute Nacht um 01:30 Uhr erst bewarb. Man lädt mich zum Bewerbungsgespräch ein. Mein erstes, wenn man von denen für meine Nebenjobs mal absieht, die sich mir irgendwie nicht annähernd so stark eingeprägt haben.

05. September 2016

Im Foyer warte ich mit einem weiteren Bewerber, der kurze Zeit später von zwei Herren abgeholt wird. Ich komme mir etwas overdressed vor, weil der andere Bewerber relativ alltagstauglich gekleidet ist. Mich holen zwei junge Frauen ab. Mein Alter. Kann nur gut sein. Oder schlecht, weil sie wissen, wie weit man mit Ende 20/Anfang 30 sein kann. Nämlich so weit, dass man Bewerber für ein Vorstellungsgespräch abholt. Verdammt!

Als ich den Konferenzraum verlasse, habe ich etwas gelernt: Auch die Tipps, wie man sich auf ein Bewerbungsgespräch vorbereitet, sind für die Tonne. Abgesehen davon weiß ich nun, dass ich mein hellblaues Hemd in Stresssituationen nicht mehr tragen werde. Bevor ich mich wieder ins Auto setze, gehe ich noch eine kleine Runde, um das Risiko überhöhter Geschwindigkeit zu reduzieren. Ich bin voller Adrenalin.

08. September 2016

Nächstes Bewerbungsgespräch. Diesmal bei einem Unternehmen (Stelle B). Ich informiere mich über die Firma, aber vermeide jede Art der inhaltlichen Vorbereitung. Ich sitze eine Stunde lang drei Damen gegenüber und verlasse das Gespräch ratlos. Nichts konnte ich in ihren Gesichtern lesen. Freundliche Pokerfaces.

09. September 2016

Probearbeitstag bei Stelle A und er läuft gut. Als ich nach Hause komme, habe ich die Einladung zu zwei Probearbeitstagen Stelle B im E-Mail-Postfach. Außerdem möchte mich eine Werbeagentur (Stelle C) in der Nachbarstadt kennenlernen. Trotz der Euphorie darüber, dass sich jemand für mich interessiert, ruhe ich mich nicht auf den ersten positiven Rückmeldungen aus und bewerbe mich weiter.

14. + 15. September 2016

Probearbeiten beim Stelle B. Es sind nüchterne und unaufgeregte zwei Tage. Bürojob. Nicht unbedingt das, was ich wollte, aber ich will nicht wählerisch sein.

16. September 2016

Vorstellungsgespräch bei Stelle C. Schon im Gespräch wird deutlich, dass man mich einstellen würde. Diesmal bin ich derjenige mit dem freundlichen Pokerface und nehme mir vor, alles erst mal einen Tag sacken zu lassen. Damit ist es schnell vorbei, denn kurze Zeit später bekomme ich die Zusage für die Stelle in dem Unternehmen, in dem ich zwei Tage zur Probe gearbeitet hatte.

Und ich beginne zu pokern und werde wählerisch. Stelle A hat sich noch nicht gemeldet. Was, wenn ich vorschnell einer Stelle zusage und nachher wäre eine andere besser gewesen? Um nachher nicht mit leeren Händen dazustehen, bespreche ich mit Stelle B, in dem ich auch probearbeitete, den Vertrag. Am 21. September wird er für die Unterschrift auf den Weg geschickt.

25. September 2016

Die überraschende Absage von Stelle C. Obwohl die Stelle nicht meine erste Wahl gewesen ist, bin ich niedergeschlagen. Das war mein Sicherheitsnetz, denn von deren Seite aus war großes Interesse vorhanden. Am Abend erreicht mich die Absage von Stelle A, was mich nicht mehr groß niederschlägt. Es wäre zu schön gewesen, um wahr zu sein. Die Entscheidung ist also gefallen und Stelle B wird mein erster beruflicher Schritt. Am 05. Oktober um 10 Uhr ist mein erster Arbeitstag.

04. Oktober 2016

Der Arbeitsvertrag ist noch nicht bei mir angekommen, was ich auf die Post, das Wochenende und den Feiertag schiebe. Gegen Mittag frage ich bei Stelle B nach, ob wir die Unterschriften nicht der Einfachheit halber morgen an meinem ersten Arbeitstag tätigen sollen. Als Antwort bekomme ich die Info, dass man sich zwischenzeitlich für jemand anderen entschieden habe. Vor einer Woche wollte man mir den Vertrag noch postalisch zusenden, heute hat man sich schon für einen anderen Bewerber entschieden und – das ist im Grunde mein einziger wirklicher Vorwurf – setzt mich darüber nicht in Kenntnis. Ich wäre morgen umsonst dorthin gefahren und hätte wie ein Idiot dagestanden.

In einem Anflug eines „jetzt erst recht“-Gefühls schicke ich neun weitere Bewerbungen auf die Reise und hake bei den Bewerbungen, auf die ich keine Antwort erhielt, nochmal nach.

07. Oktober 2016

Vorstellungsgespräch bei einer Social-Media-Agentur. Heute Nacht kam das neue Album von Green Day raus. Obwohl ich großer Verfechter der haptischen Sinneserfahrung bin, habe ich mir die Platte als mp3-Album gekauft, soll heißen: runtergeladen. Ich bin erkältet und verpasse mir eine ordentliche Dröhnung Koffein und Ibuprofen gegen die Kopfschmerzen. Gegen halb elf fahre ich los und stehe um zehn vor elf auf dem Parkplatz einer alten Mühle im westlichen Neandertal. Ich putsche mich noch etwas mit den extrem wohltuenden Happy-Punk-Klängen der mittlerweile über 40-jährigen Amerikaner auf und steige aus dem Auto. Es wünscht mir viel Glück. Ich glaube ihm nicht. Es ist ein Auto.

Man bittet mich, auf dem Sofa im Empfangsbereich Platz zu nehmen. Ich fühle mich wohl. Sieben Meter hohe Decken, alles offen, andauernd läuft jemand durch den Raum zu jemand anderem, aus der Küche hört man Lachen. Das Gespräch dauert vermutlich eine Stunde. Es ist ein Gespräch. Eine Unterhaltung auf Augenhöhe. Kein Frage/Antwort-Spiel, sondern zwei Typen, die sich unterhalten. Mein Blog gefalle ihm. Etwas, was ich schon in vorherigen Vorstellungsgesprächen hörte. Der oder das Dampfbloque scheint wohl doch für etwas gut zu sein. Man zeigt mir im Anschluss noch alle Räumlichkeiten und welche Abteilung normalerweise wo sitzt. Wir verabschieden uns und ich verlasse die Agentur mit der Aussage, dass man sich das mit mir sehr gut vorstellen kann.

Ich setze mich ins Auto und sacke zusammen. Dann starte ich den Motor, drehe Green Day auf und fahre nach Hause. Gutes Album.

19. Oktober 2016

Um halb sieben fuhr ich heute morgen in der Eifel los, damit ich rechtzeitig um 10 Uhr zu meinem Probearbeitstag in der Social-Media-Agentur ankommen würde. Nun heißt es wieder warten. Es gab vor dem Urlaub noch einige Vorstellungsgespräche, die gut verliefen. Zwei weitere stehen noch aus und in einem Unternehmen soll ich noch probearbeiten. Das spielt für mich aktuell kaum eine Rolle. Man soll sich nicht auf eine Stelle versteifen, weil dadurch die Enttäuschung nur noch größer ist, sollte es nicht klappen. Das aber ist mir gerade egal. Denn hier sehe ich mich. Im westlichen Neandertal. Kein Praktikum, sondern eine feste Stelle. Alles hängt nun nur noch daran, ob man mich als Teilzeitkraft bis Ende 2016 überhaupt gebrauchen könnte.

Jetzt erst einmal noch die restlichen Tage Eifelurlaub genießen. Und warten. Mit diesem eigenartig positiven Grundgefühl. Und mit Green Day. Sehr gutes Album. Ich bin zufrieden. Auch mit mir.


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