Urlaub fürs Gesicht

2016-06-12 14.29.57

Wir besuchen einen Barbershop. Einen Laden, in dem dem Mann die Gesichtsbehaarung schön gemacht wird. Und ja, wir besuchen einen Barbershop. Denn weil wir gemeinsam unser geliebtes Viech – einen alten Ford, der die kommende TÜV-Prüfung (das weiß ich heute) wohl nur mit großem Aufwand bestehen wird – zur Inspektion brachten, etwas Zeit in einer stinkenden Stadt verloren und kurz darauf aber ein Termin bei besagtem Barbier anstand, darf die Frau, die in unserer Wohnung lebt mitkommen. Ja, sie darf!

Zu meiner großen Freude hat sich die Frau, die in unserer Wohnung lebt, nicht nur mit meinem Bart abgefunden, sie heißt ihn gut. Anfangs wurde noch ein wenig gespottet, weshalb ich gern an „Der mexikanische Clown – Das Leiden eines werdenden Bartträgers“ erinnere. Doch eines Tages fiel der Satz, den wohl jeder Mann gern hören möchte:

„Ich finde den gar nicht so schlimm.“

Millionen Träger des Y-Chromosoms verbringen Jahre des Wartens, um eines Tages zu erfahren, dass der Bart „gar nicht so schlimm“ sei. Weil die Frau, die in unserer Wohnung lebt, meinen Bart durchaus zu schätzen weiß, hat sie mir erlaubt, einen unverhältnismäßig hohen Preis für den Besuch bei einem professionellen Bartschneider zu bezahlen. Sie wollte diesem Schauspiel gern beiwohnen, was ich ihr erlaubte. Dass der Preis unverhältnismäßig sein wird, würde ich übrigens erst am Ende des Besuchs erfahren.

Ein Barbershop, zumal einer, der sich explizit mit den Haarmoden der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts befasst, hat etwas Erhabenes. Ich kann den Hype um dieses Jahrzehnt mit seinen optischen Besonderheiten durchaus nachvollziehen, verzichte bei mir aber auf deren Adaption. Eine Tolle stünde mir einfach nicht. Heute ist ein Friseur wie der andere. Als langjähriger Kunde bei Supercut musste ich die Erfahrung machen, dass die Versteifung auf einen Friseur keinerlei nachvollziehbaren Grund hat. Also suchte ich in den vergangenen Jahren nach einem professionellen Haarmetzger und wurde bei der Frau, die in unserer Wohnung lebt, fündig, die im Übrigen keine Friseurin ist, aber Erfahrungen mit Haaren besitzt. Weil sie welche hat. Das ist oftmals entscheidend. Trotz dem wir lediglich einen Langhaarschneider, der kurioserweise alles andere macht, als Haare lang zu schneiden, und eine Schere zum Ausdünnen besaßen, zauberte sie erstaunlich gesellschaftsfähige Resultate auf meine Birne. Zu festlichen Anlässen suche ich dann aber doch einen gewerblichen Friseur auf. Und in diesem Beitrag liegt ein festlicher Anlass vor. Schließlich trage ich Bart und dessen Existenz soll gefeiert werden.

Wir betreten den Barbershop durch etwas, was ich für den Eingang halte. Es steht nicht drauf, dass es der Eingang ist, aber es scheint eine Tür zu sein, die sich öffnen lässt. Sämtliche Türen verbindet die sture Eigenschaft, dem Öffner der Tür einen neuen Raum zu offenbaren. So auch diese Tür. Und so stehen wir mitten im Geschehen.

„Ach! Hier kann man also rein?“, frage ich die Frau, die in unserer Wohnung lebt, mit der erstaunten Miene eines Abenteurers.

Eine unfassbar dämliche Frage, denn es ist offensichtlich, dass die Tür, die wir gerade eben öffneten und durch die wir den Barbershop betraten, dazu dient, reinzukommen. An der Wand links neben mir steht eine Vitrine voller Haarpflegeutensilien, die mir vor allem eines mitteilen: Ich bin ein schlechter Bartträger, denn ich habe keine Ahnung, was diese tausend Dosen beinhalten.

Ein Mann mit Schnurrbart begrüßt uns, um uns direkt wieder zu verabschieden, und schickt uns zur Empfangstheke. Dann widmet er sich wieder seinem Kunden, dem er den Sinn und Unsinn der Tür, durch die wir den Laden betraten, erklärt, während er mit Rasiermessern hantiert. An der Empfangstheke steht Fadi. Fadi fragt, was er für mich tun kann, was ich ihm mit meiner Standardphrase beantworte.

„Die Haare kürzer.“

Ich selbst finde diese Antwort nicht einmal mehr lustig. Sie ist ein Reflex, den ich nicht unterdrücken kann. Bei Deichmann antworte ich auf die Nachfrage, ob man mir weiterhelfen könne, stets, dass ich Schuhe bräuchte. Die Verkäufer lachen höflich und ich nehme mir vor, beim nächsten Mal etwas seriöser aufzutreten.

Fadi geleitet mich zu einem Friseurstuhl neben der Vitrine mit den tausend Dosen und beginnt, mir die Haare zu schneiden.

„Ich habe übrigens recht dünnes Haar, deshalb sollte es an den Seite nicht zu kurz geraten.“

„Schon gesehen.“, antwortet Fadi und zimmert mir innerhalb kürzester Zeit eine makellose Frise auf den Ballon.

Natürlich hat er das schon bemerkt! Der Mann ist Friseur. Momente wie dieser sind der Grund, weshalb ich in fremden Situationen lieber erstmal observiere und erst später Worte folgen lasse. Erstmal die allgemeine Stimmung und den Charakter der Beteiligten analysieren, dann entsprechend handeln.

Fadi begutachtet meinen Bart, der durch meine unprofessionelle Pflege so aussieht, wie man es bei jemandem, der zwar über eine gute Vorstellung, nicht aber über das handwerkliche Geschick, diese umzusetzen, verfügt, erwarten würde. Morgens starrte mich seit Kurzem ein schläfriger Salafist aus dem Spiegel an. Um diesen Anblick zu vermeiden, schnibbelt mir Fadi die wild vom Gesicht abstehenden Spinnenbeine ab, bevor er zu Hochtouren aufläuft. Mit einer Schere versucht er zunächst den Oberlippenbart weniger albern zu gestalten. Ein Barthaar verklemmt sich dabei in der Schere, weshalb mir unverzüglich die Tränen in die Augen schießen.

„Die sind aber extrem hart. Benutzt du Bartöl?“

Ich wimmere noch kurz zuende und antworte ihm, dass ich zwar Bartöl verwende, mir dessen Duft mittlerweile aber zu billig vorkommt. Abgesehen davon hat mein Bartöl bislang nur dafür gesorgt, dass mein Handy über einen fettigen Bildschirm verfügt. Das Bürsten des Barts ist nach wie vor nur unter großen Schmerzen zu bewerkstelligen, die dicken Haare vermutlich der Ausgleich für den Geburtsschmerz bei Frauen. Ein Gefühl, als wenn einem beim Bartbürsten das Gesicht abgezogen wird. Am Kinn befürchte ich, mir eines Tages beim Bürsten den Unterkiefer zu entfernen, weil die Barthaare so fest sitzen und sich gelegentlich verknoten. Mein Gesicht weist ein ausgeprägtes Nord-Süd-Gefälle auf. Im Norden dünn, im Süden dick, weshalb sich Igelfamilien in der Regel in meinem Bart ihr Winterquartier einrichten. Auf dem Kopf würden sie erfrieren, weil die Haare kaum Schutz böten. Die südliche Halbkugel des Planeten, der mein Kopf ist, verspricht Sicherheit vor Kälte und Raubtieren. Ein Mikrokosmos, der den Regeln des großen Ganzen folgt. Schließlich ziehen die Igel auch auf dem echten Planeten Erde im Herbst Richtung Süden.

Fadi holt einen Pinsel und trägt Rasierschaum auf, den er kurz einwirken lässt und mir anschließend Haare an Gesichtspartien entfernt, von denen ich gar nicht wusste, das sie über Haare verfügen. Meine Schläfen sind nun haarfrei, weshalb ich dort aktuell etwas friere. Vor der Nummer mit dem Rasiermesser hatte ich im Vorfeld tatsächlich etwas Respekt, weil ich scharfe Gegenstände in der Nähe von Hälsen für eine etwas ungünstige Nachbarschaft halte. Ich überlege noch, mich zu weigern, als Fadi mich bittet, den Hals zu strecken, da ist es schon geschehen und er kratzt mir ein paar verirrte Haare von der Kehle. Es bleibt mir keine Zeit, mein Überleben zu feiern, denn Fadi fährt mit seinem Luxusprogramm fort, wischt den Rest des Rasierschaums ab und hält mir eine Flasche unter die Nase. Ich habe keine Ahnung, was es ist, tippe aber auf klaren Whisky und ordere ein kleines Glas. Fadi schüttet sich daraufhin etwa einen Liter des Whiskys, der offenbar doch keiner ist, in die Hände und verteilt ihn in meinem Gesicht.

Meine Haut entscheidet sich dafür, den Rückzug anzutreten und verpufft augenblicklich. Wo ist sie hin? Ist sie weg? Habe ich noch einen Kopf? WO IST MEIN KOPF?! Panisch schaue ich ohne Kopf nach der Frau, die in unserer Wohnung lebt, die dem Treiben die ganze Zeit interessiert zugeschaut hatte. Sie kann mir nicht helfen. Immerhin existieren meine Augen noch, denn ich spüre, wie sie zu brennen beginnen. Fadi wedelt mit einem Handtuch Luft in mein Gesicht. Vermutlich, um das Feuer zu löschen. Oder es vollständig zu entfachen? Ich spüre, dass ich an der Stelle, wo man ihn vermutet, wohl noch einen Kopf besitze. Der Schmerz lässt ein wenig nach. Fadi verschwindet, kehrt zurück und legt mir eine Löschdecke übers Gesicht. Unverzüglich schwindet der Schmerz. Es ist ein feuchtes, warmes Handtuch, das mir eine neue Gesichtshaut wachsen lässt. Da nehme ich den kurzfristigen Sauerstoffmangel gern in Kauf.

Nach einer Minute hat sich meine Gesichtshaut vollständig regeneriert und Fadi entfernt das Handtuch. Dann begutachtet er ein paar helle Haare auf den Wangen, zaubert einen Pritt-Stift hervor und bearbeitet die Haare damit. Sie werden dunkler. War wohl doch kein Pritt-Stift.

„Sag mal…bist du das, der hier so lecker riecht?“, höre ich die Frau, die in unserer Wohnung lebt, hinter mir fragen.

Sie steht auf und riecht an meinem Bart. Und jetzt merke auch ich, dass der Whisky, den mir Fadi anschließend als Aftershave präsentiert, einen Duft verbreitet, gegen den mein jahrelanger Alleskönner AXE Africa wie irgendein Fusel für Teenagervisagen wirkt und gnadenlos verliert.

Mit spürbar neugeborenem Gesicht, neuer Frisur, einem endlich geformten Bart und eine betörende Fahne hinter mir herziehend schreite ich zur Empfangstheke, zahle ohne zu Murren den unerwartet aber berechtigterweise hohen Preis für Haarschnitt und Barttrimmen. Den Urlaub fürs Gesicht gönnt man sich nicht alle Tage, insofern zahle ich das gern. Dafür rauche ich nicht. Damit sollte ich jetzt auch tunlichst nicht anfangen, weil ich durch das Aftershave Gefahr liefe, in Flammen aufzugehen.

Wir verlassen den Barbershop durch eine Tür, von der ich nun weiß, dass sie der eigentliche Eingang ist. Euphorisiert von dieser Erfahrung und vielleicht auch etwas benebelt vom Aftershave trete ich auf den Bürgersteig, drehe mich stirnrunzelnd zur Tür um, mustere sie voller Interesse und treffe eine Feststellung:

„Ach! Hier kann man also raus?!“

Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, hört mich aber schon längst nicht mehr. Sie ist viel zu sehr damit beschäftigt, glückselig lächelnd und wie in Trance an meinem Bart zu riechen.


Obwohl Fadi mir den Namen des Aftershaves nannte, habe ich ihn wenige Sekunden später vergessen. Vergesst nicht, mir auf Facebook zu folgen!

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6 Kommentare

  1. Ha! Bartkämmen vs. Geburtsschmerz – den Vergleich kann nur ein Mann ziehen. Erst wenn du etwa einen Tag lang alle paar Minuten mit dem Gesichtswasser „behandelt“ wurdest und verbleibende renitente Barthaare noch mit der Pinzette ausgerupft wurden, DANN könnte man überlegen, ob Bartpflege und Geburtsschmerz in irgendeiner noch unbekannten Dimension dieses Universums in derselben Liga spielen dürften 😉
    Nix für ungut. Das musste ich jetzt los werden.
    Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie du auf Drehtüren reagierst: „Ach hier kann man also rein … und raus … und rein …“
    Aber das Bild mit den zwei Türen zwischen all den Dosen und Düften und Messern oder Wässern, das hat schon etwas von 20er Jahre Great-Gatsby-Mondänität

    Gefällt 1 Person

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