Die Wohnzimmertür

2016-06-21 11.25.01

Unser Wohnzimmer hat seit jeher keine Wohnzimmertür. Sie stand bei unserem Einzug schon im Keller, weil unsere Vormieter keine Verwendung für sie hatten. Und weil es sich so gut ergab, blieb sie auch dort. Im Keller stand sie gut. Im Keller erfüllte sie einen Zweck, indem sie dem Kellerraum einen Sinn verlieh: Er sollte die Wohnzimmertür beherbergen. Es ist ein ganz simples Prinzip. Wenn man zwei nutzlose Dinge hat, müssen diese lediglich in Interaktion miteinander treten, schon sind sie nicht mehr nutzlos und ergeben Sinn. Den Beweis erbrachte Joseph Beuys, der einige leere Batterien und zufällig einen toten Hasen zur Hand hatte. Für sich allein wenig sinnstiftend. Allerdings kam Beuys auf die geniale Idee, die Batterien auf den Hasen zu kleben. Er nannte dies „Hasengrab I“ und es war Kunst. Hase und Batterien ergaben Sinn.

Gelegentlich frage ich mich, wie das Erschaffen solcher Kunstwerke abläuft. Hatte Beuys einige leere Batterien und wusste nichts mit ihnen anzufangen, als ihm plötzlich eine Idee kam? Rief er daraufhin seine Frau an und fragte sie nach Dingen, die man mit leeren Batterien verpaaren könnte?

„Eva?“ 

„Joseph?“

„Eva, pass auf. Haben wir zufällig Dinge zuhause, denen leere Batterien gut zu Gesicht stehen würden?“

„Unter Berücksichtigung deiner Nutzung des Autos als Müllhalde würde ich tippen, dass sie in deinen Augen recht gut zum Beifahrerfußraum passen.“

„Von dort habe ich sie ja. Ich brauche einen Gegenpol dazu. Etwas, was eigentlich nicht zu leeren Batterien passt, aber durch die Vermählung mit ihnen eine ganz neue Aussage evoziert.“

„Da kann ich dir nicht helfen. Kannst du sie nicht einfach auf ein Stück Backpapier kleben? Das hat sich bewährt.“

„Nein, zu vorhersehbar.“

„Ich weiß es nicht. Weck mich heute Nacht nicht auf, wenn du nach Hause kommst.“

„Nein, Eva. Ich passe auf.

„Gut. Übrigens ist Hoppel heute leider gestorben. Armes Tier.“

„Ach…Hoppel ist also gestorben?“

Bei anderen Dingen funktioniert es auch. Ein leerer Kühlschrank und ein Klumpen Lehm. Lege den Klumpen Lehm in den Kühlschrank und der Kühlschrank hat etwas zu kühlen. Der Klumpen Lehm bleibt länger haltbar. Ganz ähnlich ist es übrigens bei Menschen. Auch die bleiben im Kühlschrank länger haltbar. Nein! Also doch, aber gemeint war was anderes: Ich allein ergebe wenig Sinn. Addiert man zu mir nun aber die Frau, die in unserer Wohnung lebt, ist das äußerst sinnvoll. Damit will ich nicht sagen, dass die Frau, die in unserer Wohnung lebt, für sich allein genommen nutzlos wäre. Logik ist beizeiten kompliziert.

Unser Wohnzimmer muss nicht verschlossen werden. Es sollte auch nicht verschlossen werden, weil die Katze die Wohnzimmertür nachts ohnehin durchbrechen würde. Wir müssten die Tür bezahlen. Also blieb sie nach unserem Einzug im Keller. Vor zwei Jahren musste das geändert werden. Unser Kellerraum wurde offensichtlich als Bauland eingestuft und dementsprechend erschlossen. Zunächst bekam er fließendes Wasser. Unser im Kellerraum gelagerter Hausrat bekam daraufhin Schimmel, der – das habe ich mittlerweile gelernt – andernorts eine Delikatesse darstellt. Doch es fand sich niemand, der unsere Ersatz-TV-Bank von IKEA essen wollte. Auch nicht unsere angeschimmelte Wohnzimmertür, die wir nach Absprache mit unserer stets bemühten Hausverwaltung in einen anderen, allerdings frei zugänglichen Kellerraum verfrachteten.

Diese Alternative wurde uns kürzlich erst von der Hausverwaltung als adäquater Ersatz für den im Mietvertrag vereinbarten Kellerraum verkauft. Da sind wir stur und lehnen ab. Zumal unserer Wohnzimmertür in ihrer Zeit im frei zugänglichen Kellerraum die Türklinke geklaut wurde. Die neuesten Entwicklungen waren Grund für einen denkwürdigen Dialog.

Sie: „Wir können die ja hochholen. Dann schimmelt die hier alles voll und zwänge die Hausverwaltung zum Handeln.“

Ich: „Ja, aber wir könnten das Wohnzimmer nicht abschließen, weil die Klinke fehlt“

Sie: „Wir könnten es nicht einmal mehr öffnen.“

Ich: „Die Tür wäre in einem Teufelskreis gefangen. Sie ist nicht zu öffnen und nicht zu schließen. Sie hätte keine Aufgabe. Also bleibt sie im Keller.“

Sie: „Aber auch dort hätte sie keine Aufgabe.“

Ich: „Jaja…Türsein ist nicht leicht…“

Sie: „Wir sollten sie erlösen.“

Ich: „Müssten wir sie dann nicht bezahlen, wenn wir auszögen?“

Sie: „Sie ist doch schon unbrauchbar. Ihrer primären Aufgabe beraubt. Keine Klinke. Eine Tür ohne Türhaftigkeit!“

Ich: „Ein Trauerspiel!“

Sie: „Nicht, dass irgendjemand die Glasscheibe daraus klaut…“

Ich: „Wer tut denn sowas?!“

Sie: „Wer klaut einer wehrlosen Wohnzimmertür die Türklinke?“

Ich: „Auch wieder wahr. Waren bestimmt die von unten.“

Sie: „Wer?“

Ich: „Irgendwer. Wir waren es nicht. Vielleicht aber auch die von oben. Irgendwer war es. Die Handwerker! Die verkaufen die dann auf dem Schwarzmarkt für Türklinken von verschimmelten Türen!“

Sie: „Hört man ja immer wieder von.“

Ich: „Richtig! Das Glas führt übrigens einen Teil der Tür ab adsurdum.“

Sie: „Inwiefern?“

Ich: „Eine Tür verschließt, bietet Sichtschutz und Lärmdämmung. Allein die fehlende Türklinke verhindert alles davon. Andererseits erfüllt sie ja ein Drittel ihrer Funktionen: Sie verschließt.“

Sie: „Dauerhaft.“

Ich: „Was?“

Sie: „Dauerhaft. Einmal geschlossen ist sie nicht mehr zu öffnen.“

Ich: „Achjaaa! Ja, das erfüllte sie zufriedenstellend. Aber ansonsten? Glas bietet wenig Sichtschutz.“

Sie: „Vor wem auch? In dieser Wohnung wohnen nur wir. Da gibt es wenig zu verbergen.“

Ich: „Aber die Lärmdämmung…“

Sie: „Dasselbe. Ich weiß, wie du klingst, und Geheimnisse habe ich nicht vor dir.“

Ich: „Ja…noch!“

Sie: „Sollte sich das irgendwann ändern?“

Ich: „Wenn du mal deinen Hobbyraum haben wirst. Vielleicht ein Zimmer mit Pflanzen und all solchem Kram.“

Sie: „Kram? Ich habe keinen Kram. Ich bin eine sehr umgängliche Frau ohne viele Klamotten.“

Ich: „Aber dein Strickzeug…“

Sie: „Das ist eine Schublade! Außerdem stricke ich herzlich selten. Ansonsten gibt es nichts.“

Ich: „Jetzt diskutieren wir hier nur wegen dieser blöden Wohnzimmertür.“

Sie: „Ja. Alles die Hausverwaltung schuld! Da sollten wir irgendwie mal ein Zeichen setzen, damit die aus dem Quark kommen.“

Ich: „Aber echt! Die sollen endlich mal was machen. Dann würden wir hier nicht die ganze Zeit diskutieren.“

Sie: „Ja!“

Ich „Ja!“

Schweigen.

Ich: „Wir könnten die doch hochholen. Dann schimmelt die hier alles voll und zwänge die Hausverwaltung zum Handeln.“


Seid brav und erforscht meine durchaus soziale Präsenz auf Facebook und horcht meiner PU-Schaum-Stimme auf dem DampfPod!

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6 Kommentare

  1. Der Beitrag erinnert mich daran, dass ich bei unserem Einzug eine Küchentür gesehen habe, für die es weder vor noch nach diesem epochalen Ereignis eine sinnvolle Verwendung gab. Ob ich mal suchen gehen sollte und nachschauen, ob der Griff noch dran ist? Wo ist diese Tür überhaupt?

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