BEZIEHUNGSKRAM: Vom Suchen und Finden

2016-09-29-12-18-32

„Oh, wie süß! Er schreibt darüber, wie er die Frau, die in der gemeinsamen Wohnung lebt, fand! Voll romantisch!“

Falsch! Hier geht es um etwas ganz anderes. Aber wenn wir schonmal dabei sind, kann ich kurz meine eigene Erfahrung als Grundlage einer allgemein gültigen Regel nehmen und folgende Schlussfolgerung ziehen: Wer Germanistik studiert, findet einen Partner.

Was man so als Germanistikstudent treiben kann, hört ihr hier:

Dass es sich hierbei um einen sehr eingeschränkten Erfahrungsschatz handelt, der zudem ausblendet, dass diverse Paare, die als solche gemeinsam zu studieren begannen, irgendwann keine Paare mehr waren, ist irrelevant. Man verurteilt heutzutage ja auch eine gesamte Glaubensrichtung, weil eine Minderheit unter ihnen Anschläge verübt. Es scheint also ein anerkanntes Argumentationsmuster zu sein.

Soviel dazu.

Hier geht es also nicht um das Suchen und Finden eines Partners im Allgemeinen. Eventuell geht es um das Suchen und Finden des Partners innerhalb der eigenen vier Wände. Gelegentlich wache ich auf und suche die Frau, die in unserer Wohnung lebt. Ich finde sie irgendwann an einem Ort, an dem ich sie nicht vermutet hätte. Möglicherweise am Vorabend falsch einsortiert. Wie das eben so ist. Man findet die Dinge dort, wo man sie am wenigsten erwartet, aber immer dort, wo man zuletzt nachsieht. Die Bedeutung dieser Regel wurde mir erst Jahre, nachdem ich sie erstmals hörte, bewusst: Man findet Dinge natürlich immer dort, wo man zuletzt nachsieht. Denn wenn man sie findet, sucht man nicht weiter.

Ich habe mir in den vergangenen Jahren einen Spruch angewöhnt. Wann immer ich etwas suche und die Frau, die in unserer Wohnung lebt, fragt, wonach ich denn suchte, antworte ich:

„Ich suche nicht. Ich finde.“

Ein schamloser Selbstbetrug. Denn das Suchen beherrsche ich perfekt. Ganz im Gegensatz zum Finden, weshalb ich nach einigen Stunden doch auf die Hilfe der Frau, die in unserer Wohnung lebt, zurückgreifen muss. Sie findet die Dinge dann nach kurzer Zeit. Mein Problem liegt nicht etwa darin, dass ich schlecht suche. Ich finde lediglich schlecht, weil ich dort suche, wo ich mir vorstellen könnte, dass der zu findende Gegenstand sich befände. Ich habe eine lebhafte Phantasie und auch wenn ein Hammer in den seltensten Fällen auf dem Katzenklo liegen dürfte, habe ich das Bild vor Augen, wie unser Nagelversenker – aus welchen Gründen auch immer – im Bad auf dem Deckel der Toilette unseres Fellwürfels ruht und auf Findung hofft. Oder die kleine Packung mit den Nägeln, die ich mir sehr gut in der Küche neben der Mikrowelle vorstellen kann. Gegenstände haben bei mir das Potenzial, überall zu sein, wenn ich es mir nur einrede. Gelegentlich habe ich allerdings das falsche Bild vor Augen.

Sie: „Weißt du, wo der Tacker ist?“

Ich: „Ich habe den iiirgendwo gesehen. Diesen grauen, oder?“

Sie: „Nein, der ist gelb. So transparent gelb.“

Ich: „Achja, dieser orange.“

Sie: „Nein. Gelb.“

Vielleicht lag es an meinem Defizit, mich an die tatsächlichen Farben eines Gegenstands zu erinnern. Möglicherweise lag es aber auch schlicht an meiner Beteiligung an der Suche. Fakt ist: Wir fanden den Tacker nicht.

Das Nichtfinden von Gegenständen hat seine Ursache in der Ordnung einer Wohnung. Ordnung ist hierbei nicht als ein konkreter bzw. klar definierter Zustand zu verstehen sondern als ein relativer, ein gewohnter Zustand. Mein Vater hatte zuhause im Keller (nicht der Keller war unser Zuhause, sondern unser Zuhause hatte einen Keller) einen Werkraum, in dem er relativ oft Dinge zusammenschusterte. Für unser Ferienhaus in Schweden baute er vor einigen Jahren eine Treppe; noch bevor das Haus stand bzw. mit dessen Bau begonnen wurde. Die Treppe lagerte bereits in Schweden, kam am Ende aber nicht zum Einsatz, was allerdings eine ganz andere Geschichte ist. Soll aber heißen: Mein Vater nutzte den Heimwerkerkeller recht intensiv, was eine etwas eigensinnige Ordnung zur Folge hatte. Für Außenstehende ließ sich kein System darin erkennen, dass es eine Wand gab, an der unzählige Schraubenzieher hingen, noch viel unzähligere Schraubenzieher auf diverse Regale, Schubladen und Schränke im Keller und in einem Abstellraum im Erdgeschoss verteilt waren. Er wusste trotzdem, wo er was fand. Und wenn nicht, dann wurde es herbeigeflucht.

Etwa dann, wenn jemand beschloss, dem Heimwerkerraum eine gewisse Grundordnung zu verpassen. Das Problem an der Wiederherstellung eines strukturalistischen Prinzips in oft genutzten Räumen ist die Willkür. Unordnung mag im Auge des unbeteiligten Betrachters undurchschaubar wirken, aber stellt einen gewachsenen Ist-Zustand dar. Es ist nur natürlich, dass Dinge dort liegen, wo man sie nicht vermutet. Als die Frau, die in unserer Wohnung lebt, und ich vor einiger Zeit Urlaub in Schweden machten, gingen wir forschen, was bedeutete, dass wir einfach immer weiter irgendwelche Wege tiefer in den Wald nahmen. Irgendwann stießen wir auf ein Autowrack auf einem Felsen. Mitten im Nichts. Stark verwittert. Vermutlich aus den 70ern. Und obwohl man es dort nicht erwarten würde, wissen wir ganz genau, wo sich das Autowrack befindet: Es ist im Wald.

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Und auch innerhalb der eigenen vier Wände kann ich Dinge finden. Beispielsweise weiß ich, dass die Gummibänder für die so beliebten Kraftübungen mit „resistance“-Bändern auf dem Regal unter unserem Fernseher stehen. Das weiß ich zum einen, weil ich auf dem Sofa sitze und sie von hier aus recht gut sehen kann (das erleichtert das Treffen von Aussagen über den Aufenthaltsort eines Gegenstands ungemein), zum anderen, weil die Frau, die in unserer Wohnung lebt, die Bänder zuletzt nutzte und dort abstellte. Sie befinden sich in einer Plastikröhre, die man hinstellen kann. Die Bänder selbst stehen nicht selbstständig. Wäre dem so, dann wären es keine „resistance“-Bänder sondern -Stangen.

Anderes finde ich hingegen nicht. Glücklicherweise ist mir die Frau, die in unserer Wohnung lebt, beim Finden von Gegenständen behilflich. Ich suche gelegentlich etwas kopflos, was der aufmerksame Beobachter daran erkennen kann, dass ich in einen Raum laufe, diesen nach einer Minute wieder verlasse, weil mir eine neue Vorstellung dessen kam, wo sich der Gegenstand befinden könnte, kurze Zeit später wieder zurücklaufe, weil sich meine Idee als nicht zielführend entpuppte. Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, erkennt meine Ratlosigkeit recht schnell und fragt, was ich suche.

„Ich finde gerade meine Schienbeinschoner fürs Fußballtraining.“

„Die liegen im Schlafzimmer auf der Kommode links neben den Handtüchern.“

„Da habe ich nachgesehen.“

„Da habe ich nachgesehen“ ist für die Frau, die in unserer Wohnung lebt, das Signal, dass ich nicht vernünftig nachgesehen habe, und sie nimmt dies zum Anlass, selbst noch einmal „da“ nachzusehen. Und oft ist es so, dass sie das gesuchte Objekt mit einem gezielten Griff findet. Entweder höre ich nach wenigen Sekunden aus einem anderen Raum ein „Hab!“ oder – für den Fall, dass ich mitkomme, um ihr beim Finden zuzuschauen – gar nichts. Dann findet sie das Gesuchte, drückt es mir in die Hand, schaut mich schweigend an und bringt dadurch zum Ausdruck, dass ich nicht richtig gesucht habe. Die große Frage ist allerdings, wie ich daran Schuld sein kann, Gegenstände nicht zu finden, wenn sie diese doch an Orten versteckt, deren Ordnung mir nicht geläufig ist.

Wir haben in unserer Wohnung eine etwas chaotische Grundordnung, was unter anderem an der anhaltenden Nichtnutzbarkeit unseres Kellerraums liegt. Deshalb stehen in unserer Wohnung einige Kisten und Gegenstände, die für gewöhnlich im Keller ihren Platz fänden. Solange an dieser Grundordnung nichts geändert wird, lassen sich Objekte recht leicht wiederfinden. Nun wird gelegentlich aufgeräumt. Etwa, wenn Gäste erwartet werden, die sich darüber wundern könnten, dass ein Hammer auf dem Katzenklo liegt. Während ich mich grundsätzlich auf solche Aufräumaktivitäten beschränke, die Gegenstände betreffen, die einen festen Platz zugewiesen bekommen – Schuhe, Anziehsachen, Haustiere – ist die Frau, die in unserer Wohnung lebt, deutlich detailversessener. Das führt zu Problemen.

Ich: „Wo ist denn die Schere?“

Sie: „Die habe ich weggeräumt.“

Ich: „Hahaha!“

Sie: „Nein, wirklich.“

Ich: „Was?! Warum solltest du das tun? Die lag doch prima in der Küche auf dem Kühlschrank.“

Sie: „Da gehörte sie aber nicht hin. Ich habe sie zu dem anderen Schreibkram geräumt.“

Ich: „Und wo ist der?“

Sie: „Im Wohnzimmer. Dort, wo der übrige Schreibkram im Regal ist.“

Ich: „Also ich fand die Schere auf dem Kühlschrank gut. Ich wusste, wo ich sie finde.“

Sie: „Nur kommt es Besuchern vielleicht komisch vor, wenn Bastelutensilien in der Küche liegen.“

Ich: „Und deshalb musstest du die Schere vor mir verstecken?“

Sie: „Ich habe sie nicht vor dir versteckt. Ich habe sie dorthin geräumt, wo sie hingehört.“

Ich: „Und jetzt finde ich sie nicht mehr.“

Ich fand sie. Beim Schreibkram im Wohnzimmer. Sie macht dort einen souveränen Eindruck. Die Optik passt. Da kann ich sie mir nun auch vorstellen. Das macht es für mich in Zukunft nicht unbedingt leichter.

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