Reise ins Bad mit Gitarrenkoffer – Unverhofftes Wiedersehen

2016-10-01-16-15-28

Ich sitze in unserem Wohnzimmer und rufe der Frau, die in unserer Wohnung lebt, die heißesten Neugikeiten zu.

„Hörst du mich?! Wir müssen verreisen!“

„Ich sitze neben dir.“

„Aha. Also wir müssen verreisen.“

„Warum?“

Seppo will wohl radikal aussieben und hat den Teilnehmern der SBA2016 eine unfassbare Aufgabe gestellt. Sie sollen einen Koffer packen und an einen Ort fahren, um dort jemanden zu treffen. Die meisten werden das wohl nicht mitmachen. Ich schon. So nicht, Freundchen! Wo sind meine Reisepapiere? Pack die Sachen. Wir fahren zum Flughafen.“

„Bist du dir sicher, dass es ernst gemeint ist? Liest sich für mich eher so, als solltet ihr euch etwas dazu ausdenken.“

„Kann ich nicht. Alles, was ich bisher schrieb, beruht auf Fakten. Dieser Blog ist ein einziger Erlebnisbericht.“

Ich aß also tatsächlich eine Ampel?

„Ja, so erinnere ich mich zumindest. Willst du mir unterstellen, dass ich lüge?“

„Ja.“

Ich ignoriere diese Ungeheuerlichkeit und erhebe mich voller Tatendrang, um einen Koffer zu suchen und werde zwei Meter entfernt fündig: Einer meiner Gitarrenkoffer wird als Reisekoffer herhalten müssen. Zu meiner großen Überraschung befinden sich in ihm diverse Gegenstände, die ich noch nie vorher sah. Zumindest nicht in diesem Koffer.

„Sag mal…hast du die Tür in den Koffer gelegt?“ 

„Warum sollte ich das tun?!“

„Jemand war hier…mysteriös…es riecht so wie letztes Jahr vor Weihnachten. Räucherkerzen? Nein. Etwas anderes. Eigenartig.“

Ich betrachte eine Weile den Inhalt des Koffers und freunde mich zunehmend damit an, dass diese ganzen Gegenstände, die irgendjemand in diesen Koffer gepackt hat, sinnvolle Reiseutensilien darstellen. Nun soll noch ein weiterer Gegenstand auf die Reise gehen. Weil man für gewöhnlich eine Gitarre in einem Gitarrenkoffer erwartet, ich aber gern Geschichten eine unerwartete Wendung verleihe, fahre ich in den nächsten Musikladen und kaufe eine Bass-Nasenflöte. Da wird Seppo Augen machen, wenn er liest, dass in dem Gitarrenkoffer eine Bass-Nasenflöte transportiert wird. Damit rechnet keiner. Gelegentlich vergesse ich selbstgestrickte Überraschungen und bin am Ende ebenso erstaunt wie alle anderen. Die Bass-Nasenflöte verstaue ich also mit einem diebischen Grinsen im Koffer, schließe diesen und stelle ihn in den Flur.

„Ich wäre soweit, Frau, die in unserer Wohnung lebt. Kommst du?“

„Ich kann hier nicht weg. Ich muss arbeiten. Und du musst kommende Woche auch arbeiten. Du kannst nicht in deiner ersten Woche fehlen.“

„Aber vielleicht lesen sie ja den Dampfbloque und verstehen die Dringlichkeit.“

„Das denke ich eher weniger. Ich selbst zweifele ebenfalls daran und bin kurz davor, dich abholen zu lassen.“

Ich fühle mich in meiner Ehre verletzt und gehe in den Flur, um mir meine Jacke anzuziehen.

„Ich werde nun an einen Ort reisen. Die Regeln der SBA schreiben das vor. Ich kann mich dem nicht widersetzen.“

„Muss es denn unbedingt so weit weg sein?“

Eine gute Frage. Ich stehe minutenlang regungslos im Flur und überlege. Der gepackte Gitarrenkoffer steht zu meinen Füßen, die Klinke halte ich in der rechten Hand. Vielleicht muss ich nicht wirklich verreisen. Aber wie unspektakulär wäre es, wenn ich als einziger Teilnehmer der letzten Runde einen gewöhnlichen Ort aufsuchte? Vielleicht könnte ich einem alltäglichen Ort etwas mehr Pepp verleihen, wenn ich ihn aufregend ankündige.

„In Ordnung. Also, ich gehe nun. Ich bin aber schnell wieder zurück und nicht weit weg. Es kann gefährlich werden. Wenn ich in zehn Minuten nicht wieder da bin, ruf die Polizei.“

„Wohin gehst du denn nun?“

„Ich gehe…aufs Klo.“

Ich drehe mich um, hebe den Gitarrenkoffer auf, ziehe den Reißverschluss der Jacke zu, betrete unser Bad, schließe die Tür hinter mir, während die Frau, die in unserer Wohnung lebt, noch etwas aus dem Wohnzimmer ruft, und bin allein.

Eine eigenartige Atmosphäre. So in etwa muss es sich anfühlen, wenn man mit 30 Jahren in Jacke, Straßenschuhen und mit einem Koffer ausgerüstet ein Badezimmer betritt. Ich stelle den Koffer ab und hänge die Jacke dort auf, wo für gewöhnlich die Bademäntel hängen. Die Schuhe ziehe ich aus und stelle sie vor die Waschmaschine. Ich gehe zwei Schritte und habe unsere Toilette zu meiner rechten. Ich setze mich auf den Deckel und warte ab, was passiert.

Nach etwa einer Minute bin ich mir sicher, dass rein gar nichts passiert.

Ich beobachte das Bad. Der Gitarrenkoffer verleiht dem Raum eine fremdartige Stimmung. Urlaubsstimmung. Ein Koffer in einem Bad kann nur bedeuten, dass man im Urlaub ist. Ich schaue zur Badewanne.

Und erschrecke.

„Herr Scheuren! Was machen Sie da?!“

Herr Scheuren, unser Nachbar, der eine Ente ist, liegt stocksteif in der Badewanne. Er trägt eine Badehaube und hält eine Badebürste in der Hand. Die Wanne ist zur Hälfte mit Wasser gefüllt.

„Hallo, Herr Höffgen…“

„…Höttges…“

„…Ich wollte eben ein Bad nehmen, als Sie hereinkamen. Ich versuchte mich ruhig zu verhalten, damit Sie mich nicht bemerken. Das war wohl nichts.“

„Wie sind Sie denn überhaupt hier reingekommen?“

„Nun, ich wohne seit einiger Zeit hier. Unter der Badewanne. Sehen Sie dort unten die eine Fliese, die sich herausnehmen lässt?“

„Ja.“

„Der Eingang zu meiner Wohnung unter der Wanne.“

Herr Scheuren setzt sich auf und entspannt sich langsam, weil er merkt, dass ich ihm nichts tun werde. Er wirft einen Blick auf den Gitarrenkoffer.

„Was haben sie dort mitgebracht?“

„Ach das. Das ist nur ein Gitarrenkoffer. Ich wollte verreisen, um an der letzten Runde der SBA2016 teilnehmen zu dürfen. Allerdings kommt uns eine Reise gerade sehr ungelegen. Also ging ich ins Bad.“

Herr Scheuren springt aus der Wanne und watschelt zum Koffer, um ihn zu öffnen.

„Eine Tür!“, ruft er freudig aus.

„Können Sie die gebrauchen?“

„Ja! Nun wissen Sie ja, dass ich unter der Badewanne lebe. Es war unglaublich kompliziert, die eine Fliese von innen wieder so anzubringen, dass man nicht bemerkt, dass sie sich herausnehmen lässt.“

Er wühlt sich weiter durch den Koffer. Nun erfahre ich den Grund für den Geruch vorhin. Eine Duftkerze befindet sich im Koffer und verströmt ein penetrantes Aroma. Herr Scheuren schleppt sie sofort unter die Badewanne. Es war ihm nicht möglich, die normale Toilette zu benutzen, weshalb die Luft unter der Badewanne zu wünschen übrig ließe.

Nachdem Herr Scheuren auch für den im Koffer enthaltenen Volleyball-Schläger Verwendung findet – von nun an geht er aufs Katzenklo und kann sich, für den Fall, dass die Katze ihn überrascht, zur Wehr setzen – beschleicht mich das Gefühl, dass der gesamte Inhalt auf die Bedürfnisse von Herrn Scheuren abgestimmt ist. Einen H&M-Katalog zerrt er ebenfalls unter die Badewanne, wo er Seite für Seite herausreißt, um mithilfe des geschmolzenen Wachses der Duftkerze seine Wände zu tapezieren. Eine Landkarte von Tasmanien kleistert er ebenfalls an eine seiner Wände unter der Badewanne.

„Wofür?“, will ich wissen.

„Wir Enten sind Zugvögel und lieben Dreiecke. Unsere Flugformation ist ebenfalls immer ein Dreieck. Tasmanien hat dieselbe Form. Sowas beruhigt mich.“

„Enten sind keine Zugvögel.“, entgegne ich.

„Sie waren vermutlich bis gerade eben auch der Meinung, dass Enten keine Tiere sind, die unter Badewannen leben.“

Dem kann ich nichts entgegensetzen. Die Tierwelt bleibt ein Mysterium. Dieser Eindruck wird dadurch bestätigt, dass sich Herr Scheuren über den Nasenhaartrimmer freut, den er ebenfals aus dem Gitarrenkoffer zieht. Seine Freude erklärt er damit, dass er schon die Bass-Nasenflöte erspähte, die er aber durch die viel zu kleinen Nasenlöcher seines Entenschnabels nicht spielen könne. Durch den Nasenhaartrimmer könne er sich nun größere Nasenlöcher fräsen und endlich Bass-Nasenflöte spielen. Die Scheurens, so erklärt er, entstammen einer uralten Dynastie von Bass-Nasenflötisten, die vor einigen Jahrtausenden unterging. Der Instinkt aber blieb erhalten, auch wenn sich die Körper der Enten und insbesondere ihre Nasenlöcher veränderten.

Ein Zylinder, der sich selbstverständlich auch im Koffer befindet, war seit jeher die klassische Kopfbedeckung eines Bass-Nasenflötisten. Bariton-, Tenor- und Sopran-Nasenflötisten trügen diese nicht, aber mit solchen gewöhnlichen Nasenflötisten wolle er nicht in einen Topf geworfen werden.

Herr Scheuren hält plötzlich inne. Noch ein Gegenstand befindet sich im Koffer. Ein Kästchen.

„Und was ist das?“, will er wissen.

„Ein Kästchen?“

„Dachte ich es mir doch!“

Er greift sich das Kästchen und untersucht es. Plötzlich springt es auf. Herr Scheuren fällt vor Schreck nach hinten um, wodurch ihm der Zylinder ins Gesicht rutscht. Als er sich wieder aufrichtet, nähert er sich langsam dem Kästchen.

„Was ist darin enthalten?“, fragt er mich.

„Herr Scheuren, das alles hier überrascht mich ebenso wie sie. Man müsste den Ausrichter der SBA2016 fragen, aber bis auf die Bass-Nasenflöte war alles schon im Koffer, als ich ihn packen wollte.“

Vorsichtig wirft Herr Scheuren einen Blick ins Kästchen. Die Spannung ist unerträglich. Plötzlich schreit Herr Scheuren auf.

„Ha!“

„Waswaswas??? Was ist es?!“, kreische ich panisch.

„Es ist ein Quietsche-Mensch.“, antwortet Herr Scheuren belustigt und nimmt ihn aus dem Kästchen.

Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Nie sah ich etwas Verstörenderes. Drückt man den Quietsche-Menschen, so treten seine Augen hervor, während sich gleichzeitig sein Hintern aufbläht, aus dem es dann quietscht. Zu allem Überfluss ist der Quietsche-Mensch nackt. Herr Scheuren schwingt sich samt Quietsche-Mensch in die Badewanne und spielt ein wenig mit ihm.

„Herr Schöpfner…“

„…Höttges…“

„…Sie müssen verstehen, dass das Baden für mich stets eine Belastungsprobe war. Ich hatte nur eine Quietsche-Ente, mit der ich sehr ungern badete. Sie würden vermutlich ebenso ungern mit einem Quietsche-Menschen baden gehen, nicht wahr? Das Plantschen mit der Quietsche-Ente war immer eine sehr komplizierte Situation für mich.“

Er hat Recht. Mit diesem quietschenden Gummi-Menschen würde ich mich nicht beschäftigen wollen. Dann fällt mir ein, was ich Herrn Scheuren schon seit Wochen mitteilen wollte.

„Herr Scheuren, eines wollte ich Ihnen noch sagen…“

In dem Moment bricht jemand von außen die Badezimmertür auf. Es sind Polizisten und Krankenpfleger, wie es scheint. Ganz in weiß gekleidet. Hinter ihnen steht die Frau, die in unserer Wohnung lebt, mit einer Miene, die mir mitteilt, dass sie keine andere Wahl hatte.

„Du sagtest, ich solle die Polizei rufen, wenn du nach zehn Minuten nicht wieder zurück bist. Ich habe versucht, dich zu erreichen, aber du gingst nicht dran. Und als ich an der Badezimmertür horchte, hörte ich dich einen Dialog mit dir selbst führen. Du verstelltest deine Stimme. Also rief ich gleich noch in einer Nervenheilanstalt an.“

„Aber ich habe doch nur mit Herrn Scheuren geredet! Er wohnt unter unserer Badewanne! Seit Wochen schon! Frag ihn doch. Seppo hat den Gitarrenkoffer mit Dingen gepackt, die Herr Scheuren super gebrauchen kann! Er kann nun wieder Bass-Nasenflöte spielen und mit einem Quietsche-Menschen baden.“

Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, schaut mich mit einer Mischung aus Skepsis und Mitleid an, wirft einen Blick ins Bad.

„Da ist niemand.“, sagt sie und nickt den Pflegern zu, die nun langsam auf mich zukommen.

Ich wirbele herum. Die Wanne ist leer. Herr Scheuren ist verschwunden.

„Aber er war gerade eben noch hier!“, schreie ich.

Die Pfleger zerren mich aus dem Bad. Ich werfe einen letzten Blick zurück zur Wanne, kann nicht glauben, dass das alles nicht geschehen sein soll. Und kurz bevor jemand das Licht im Bad löscht, erblicke ich etwas, das neben der Badewanne auf dem Boden liegt.

Es ist der Quietsche-Mensch. Und er ist nass.


Alle anderen Teilnehmer der Endrunde könnte ihr hier bestaunen. Angesichts der teils wirklich guten Beiträge rechne ich mit einer Niederlage. Aber immerhin hatte ich etwas, worüber ich schreiben konnte.

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