Berlin und Twitter – Ein Mann mit seinem Internet

„Schreib mal wieder was!“, sagt die Frau, die in unserer Wohnung lebt.

„Ja, genau! Schreib mal wieder was!“, sagt auch die Katze, während sie in der Küche steht und sich einen Kaffee kocht.

„Ich schreib jetzt erst einmal bis Januar nichts mehr.“, sagt der Marktführer, den man wohl aus Rücksicht auf sein Recht Frau zu sein besser Markführender nennen sollte; ändert allerdings nichts.

Worüber schreiben? Das frage ich mich. Darüber, dass der oder das Dampfbloque ein wenig umgebastelt wurde? Langweilig. Interessiert niemanden. Nicht einmal mich, auch wenn ich mir auf meine neuerlangte Kompentenz in Sachen html/css ein wenig was einbilde.

„Ich glaube, ein neuer Katzenbeitrag wäre mal wieder gut. Etwa über meine Blasenentzündung.“, wirft die Katze ein.

Ja, tatsächlich. Das war eine spaßige Sache. Ein running gag in dieser Wohnung, der daraus besteht, dass die Katze sich alle paar Monate ausgesprochen lang das Hinterteil putzt, weshalb wir sie zum Tierarzt bringen, der ihr dann eine Spritze und ein Antibiotikum verschreibt. Es wird langsam zur Tradition. Nichtsdestotrotz ignoriere ich den Vorschlag der Katze.

Denn seien wir mal ehrlich: Katzen sprechen nicht und unsere steht auch nicht gerade in der Küche und kocht sich einen Kaffee.

Ich schreibe dieser Tage nicht wenig. Möglicherweise ein Grund, weshalb ich dieser Tätigkeit, was den oder das Dampfbloque betrifft, ein wenig aus dem Weg gehe. Nicht, weil es mir keinen Spaß machte. Es gäbe genug zu schreiben. Den letzten Text-Beitrag beendete ich mit einem unerträglichen Cliffhanger, den ich nur zu gern wieder aufgreifen würde. Allerdings schwebt mir da eine klare Idee vor Augen und die will ausformuliert werden. Das gelingt mir aktuell nicht, weil ich schon ohne Blog mein Wortpensum pro Woche erreiche und abends die zwanglose Gesellschaft eines Sofas unter und die der Frau, die in unserer Wohnung lebt, neben mir zu schätzen weiß. Das hängt unmittelbar mit dem Cliffhanger des letzten Beitrags zusammen, weshalb es zu plump wäre, das hier in ein paar Sätzen abzureißen.

Und die würden es werden. Zumindest vorerst. Seit gestern.

Es beginnt damit, dass ich zufällig bei Twitter vorbeischaue, das ich für mich als erste Informationsquelle für Neuigkeiten in Echtzeit entdeckt habe. Facebook ist da zu langsam, zu unsortiert. Bei Twitter aktualisiert man alle paar Sekunden den Newsfeed und man hat einen Überblick. Wenn etwas in der Welt passiert ist, schaltet man Twitter am besten zwei Tage lang ab und wartet, bis seriöse Medienformate etwas berichten.

Weil es aber damit beginnt, dass ich zufällig bei Twitter vorbeischaue, bemerke ich einen Tweet, der mit „BREAKING“ eröffnet. „BREAKING“ ist ein dieserzeit inflationär verwendetes Wort, das verschiedene Bedeutungen haben kann, die sich von „Es ist etwas Unerwartetes passiert“ über „Es ist etwas Erwartetes passiert“ bis „Ich hab’s Euch ja gesagt“ erstrecken. In diesem Fall war tatsächlich etwas Unerwartetes passiert.

Danach drängten sich mir immer mehr Fragen auf. Beispielsweise leuchtet mir die Verwendung und Bedeutung des Wortes „Anschlag“ nicht ganz ein. Noch heute morgen schreiben diverse Internetnutzer und Medien, dass es sich bei dem Vorfall in Berlin „möglicherweise“ um einen Anschlag handelt. Gibt es mittlerweile eine spitzere Definition von „Anschlag“ als vor einigen Jahren noch? Denn gänzlich unabhängig davon, wer ihn verübt, müsste doch jeder Anschlag auf das Leben von Menschen ein Anschlag sein. Das ist meine Logik und ich habe das Gefühl, dass ich da nicht ganz falsch liege.

Doch stattdessen ist „Anschlag“ mittlerweile ein Begriff geworden, der mit allerlei Zuschreibungen versehen wurde. Ein Anschlag, so kommt es mir beinahe vor, müsse unbedingt religiös motiviert sein. Sonst ist es keiner. Das könnte erklären, warum alle (Twitter-)Welt rätselt, ob es sich eveeentuell in Berlin um einen Anschlag gehandelt haben könnte. Man wisse es nicht. Möglicherweise erst, wenn die Hautfarbe und die Herkunft sowie Religion des LKW-Fahrers bekannt ist. Das ist definitorisches Haarespalten.

Mit dem Begriff „Terror“ verhält es sich ähnlich. Was ist es, wenn nicht genau das? Spielt es eine Rolle, welchen Ursprung die Tat hat? Für mich nicht. Für die Opfer ebenfalls nicht. Für einige politische Strömungen dieses Landes scheint es allerdings enorm wichtig zu sein. Und so dauerte es gestern nicht lang, bis die ersten Stimmen laut wurden, dass Merkel die Verantwortung trage. Überhaupt – das fragte man sich – wo sei sie denn gerade? Warum spreche sie nicht zum Volk? Und wenn es das nicht war, so fragte man sich, warum denn ARD und ZDF keine Liveberichterstattung starteten. RTL tue es schließlich auch.

Ja, RTL.

Die Forderung nach Echtzeit-Berichterstattung hat nichts damit zu tun, dass man Neues erfahren möchte. Damit zu argumentieren, dass man ja wohl ein Recht darauf habe, auf dem Laufenden gehalten zu werden, ist scheinheilig, denn auch bzw. insbesondere solche Medien – Sender wie Zeitungen – die nicht in Form eines Livetickers berichten und stundenlang die immergleichen Bilder zeigen, liefern exakt dann Neuigkeiten, wenn diese spruchreif sind.

„Spruchreif“, wichtiges Wort. Doch stattdessen scheinen viele keine Vorstellung davon zu haben, wie Ermittlungsarbeit funktioniert. Auch ich kann nur mutmaßen, nur erwarte ich nicht innerhalb weniger Minuten eine vollständige Auflösung. Andere schon. Und dann überschlagen sich die Meldungen, dass der Fahrer Pole war. Das scheint aktuell vom Tisch zu sein. Geht man noch von einem Pakistani aus? Oder war es ein Afghane? Nur frage ich mich: Was heißt das dann? Es ändert nichts. Es ist eine Tragödie. Es ist furchtbar.

Am rechten Rand reibt man sich aber die Hände und reagiert so, als habe man es kaum erwarten können, dass endlich auch hierzulande mal etwas passiert.

„Siehste, siehste, siehste??!! Sach ick doch! Hab ick immer jesacht“

Es häufen sich die immergleichen Parolen. Manchmal glaube ich, dass das Internet nicht zuende gedacht wurde.

„Also ich hätte besser gefunden, Du hättest mal wieder einen Katzenbeitrag geschrieben.“, mault die Katze.

Vermutlich hat sie Recht. Gerade jetzt.


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15 Kommentare

  1. Habs auf Facebook geteilt – war mir wichtig, weil richtig. Auf Deine ewige Dankbarkeit komme ich vielleicht später zurück, vielleicht auch nicht. Angesichts all dieser dummen Spekulationen und Kommentare, die aus Medien und „Volkes Stimme“ zu vernehmen sind, wünschte ich mir, beim Attentäter handelte es sich um einen radikalisierten christlichen Fundamentalisten. Hilft den Opfern des Anschlags auch nicht weiter, ich weiß, den Opfern der Angstbeißer von AfD & Co vielleicht schon.

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  2. Mit dem Begriff „Terror“ verhält es sich ähnlich. Was ist es, wenn nicht genau das? Spielt es eine Rolle, welchen Ursprung die Tat hat?

    Aber selbst-ver-ständ-lich!

    Schlagzeile gestern in einem nicht ganz unbekannten, ehemals seriösen Hamburger Nachrichtenmagazin: Rußland spricht nach Attentat auf Botschafter von „Terror“

    So So. Plötzlich ist es also kein Terror mehr, wenn eine Regierung das sagt? Denn das war ja bisher immer so. Sauerland? Terroristen. Der Baumarkt-Typ beim Frankfurter Radrennen? Terror!111!
    Drohnen über Pakistan oder so? Kein Terror. Wir sind ja die Guten.

    Aber diesmal sind es ja nur die Russen. Die behaupten halt, das wäre Terror. Pfü. Weicheier.
    Woran das nur liegen könnte? Doch nicht etwa daran, daß es sich hier nicht um unsere Regierung handelt? Sonst wird jeder Terropanikbullshit sofort medial in der Echokammer verstärkt.

    Du bist eindeutig noch nicht soweit, die Redaktion eines großen Nachrichtenmagazins zu übernehmen 😀
    Und mach deiner Katze mal ’nen Kaffee.

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  3. Ich war gestern auf einem – Weihnachtsmarkt – und habe nichts davon mitbekommen.
    Hättest Du von der Katze berichtet, hätten alle gedacht: „Ist der doof? Hat der nicht mitbekommen, was passiert ist?“
    Aus diesem Grund habe ich heute einen belanglosen Beitrag nicht geschrieben, würde mir aber mal erlauben, diesen hier zu teilen.

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  4. Ich finde schon, dass mit der Vokabel Anschlag vorsichtig umgegangen werden sollte. Unfälle gibt es ja schließlich auch noch. Gerade deswegen beherzige ich meist Deinen Rat und lese erst ein oder zwei Tage nach einem Ereignis in Ruhe eine seriöse Zusammenfassung. Spekulatius ist vor Weihnachten eine feine Sache, zu viel Spekulation bringt nix.

    Gefällt 2 Personen

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