Der stille Leidende

2016-10-05-17-44-40

Heute morgen nahm ich mir vor, über meine schwere Krankheit zu schreiben, die mich seit zwei Tagen plagt. Dann aber starb ich, was dem Schreiben eher hinderlich ist und Personen in meinem Umfeld eventuell verstören könnte. Tote schreiben nämlich für gewöhnlich nicht.

Da ich heute aber schon wieder nicht mehr ganz so tot bin, wie ich es gestern war, schreibe ich. Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, schaut zwar etwas skeptisch, weil ich in ihren Augen noch zu tot bin, um schreiben zu können, aber das kann sie nicht beurteilen. Ich werde wohl wissen, ob mein Todesstatus das Schreiben eines Beitrags zulässt. Gestern um diese Uhrzeit lag ich von einem dicken Pullover umgeben, der seinerseits von einer dicken Bettdecke umgeben war, auf unserem Sofa und versuchte zu schlafen. Das schien mir vor allem diesbezüglich sinnvoll, da ich zu diesem Zeitpunkt davon ausging, heute einen gewissen Ort aufzusuchen, was Ausgeschlafenheit erforderte. Das erübrigte sich durch nicht ganz verständliche Umstände. Manchmal hat man Glück im Unglück, denn nun kann ich in Ruhe gesunden. Andererseits wäre es mir anders auch recht gewesen. Man steckt nicht drin, im Schicksal. Wer weiß, wofür das gut gewesen sein wird?

Den dicken Pullover streifte ich mir gestern trotzig und aus unerfindlichen Gründen gestresst vom Leib. Er war mir zu warm, er war zu unbequem. Ich hasste ihn in diesem Moment. Jeder Arzt hätte die Ohren über dem Kopf zusammengeschlagen, weil man als Kranker stets warm eingepackt sein soll. Es war mir egal. Schlafen konnte ich jedenfalls nicht, weil ich so schwer krank war und es noch bin. Da darf man sich nichts vormachen.

Zu meinem Grundunwohlsein gesellten sich gestern diverse Ohrwürmer einer Band, die in zwei Tagen ihr neues und wie ich finde auch bestes Album der letzten Jahre veröffentlichen wird. Diese Ohrwürmer sorgten dafür, dass ich nicht nur auf dem Sofa sondern auch später im Bett kein Auge zutat. Heute morgen wachte ich mit denselben Ohrwürmern auf, weshalb ich ernsthaft überlegte, ob man im kranken Zustand ein leistungsfähigeres Gehirn besitzt und jemand durch einen dauerhaften Ohrwurm wahnsinnig wurde. Das Paradoxe an Ohrwürmern ist ja oftmals, dass man das Lied als solches gutfindet, es einem aber dennoch den letzten Nerv raubt.

Meine Ohren sausen. Dass ich krank werden würde, deutete sich bereits am Samstag an, als wir zu Besuch bei Menschen waren. Ich schaffte es, den Abend bis zum Morgen durchzuhalten, was mir nicht schwerfiel. Allerdings war es untypisch, dass ich bereits zwei Stunden, bevor uns ein Taxi holen kommen sollte, auf Getränke ohne Alkohol umstieg und überhaupt wenig trank. Zwei Tage später ließ ich sogar ein Glas Rotwein stehen. Er schmeckte nach nichts, was ich heute mit meiner abgeschotteten Nase erklären kann. Die Ohren tun es ihr aus Solidarität gleich, weshalb man mich dieser Tage die Frau, die in unserer Wohnung lebt, anbrüllen hört.

„GUTEN MORGEN!!!“

„Ich höre dich.“

„Nein, du störst mich nicht.“

„ICH HÖRE DICH!“

„NEIN!!!“

Ich bin übrigens im Krankheitsfall niemand, der sich gern bedienen lässt. Einfach, weil ich niemandem zur Last fallen möchte. Also kochte ich gestern trotz des Angebots der Frau, die in unserer Wohnung lebt, dass sie doch kochen könnte, etwas zum Abendessen. Dass sie ihre Hilfe anbot, erfuhr ich erst heute. Gestern abend konnte ich mir auf die willkürliche Kombination der Worte „Stich Bann hoch Knochen“ keinen Reim machen und verließ ohne Reaktion das Wohnzimmer.

Aber selbst, wenn ich sie verstanden hätte, wäre ich in die Küche gegangen und hätte gekocht. Im Gegensatz zum Klischee vom jammernden Mann bin ich ein eher ruhiger Leidender. So wie ich grundsätzlich eher ruhig bin, was mir niemand glaubt, der hier liest. Nicht ruhig im Sinne von introvertiert oder schüchtern. Eher besonnen, was eben auch bedeutet, dass ich still vor mich hinsterbe. Bis zum Tod, der mich ja dann gestern auch ereilte. Möglicherweise ist das ein evolutionäres Relikt, das bei mir noch deutlich ausgeprägt ist. Bloß keine Schwäche zeigen und damit einem Tier in der Nähe signalisieren, dass ich leichte Beute wäre. Nicht dass die Frau, die in unserer Wohnung lebt, ihre Chance wittert und mich frisst, weil ich laut zu verstehen gebe, dass es zuende geht.

Ich maß übrigens kein Fieber. Denn was nicht diagnostiziert wird, existiert nicht. Ein guter Grund, selten zum Arzt zu gehen. Das schrub ich gestern auch meinem Freund Thees Tósterón, der sich heute nach dem Befinden meiner Erkältung erkundigte, der es immer schlechter geht.

„Gehts mit der Erkältung aufwärts?“

„Deine Mutter war am Telefon. Soll nett grüßen. Die Erkältung geht. Höre schlecht, weil die Ohren etwas zu sind.“

„Ah. Danke. Ich wollte sie eh noch anrufen.“

„Wie bitte? Du musst lauter schreiben.“

„AH. DANKE. ICH WOLLTE SIE EH NOCH ANRUFEN!“

Gefühlt hatte ich Fieber, was bei mir allerdings nichts heißen muss, weil ich tatsächlich etwas kälter als normal bin. Ich bin auch älter als normal. Keine Ahnung, wie ich das nun erklären soll. Ich muss es auch nicht. Denn ich bin krank.

Gerade in diesem Moment bemerke ich einen Kaffee rechts neben mir. Er steht dort, seit die Frau, die in unserer Wohnung lebt, ihn mir brachte. Das dürfte nun etwa drei Stunden her sein. Er ist kalt. Ich trinke ihn trotzdem, denn sie soll ihn nicht umsonst gemacht haben. Er schmeckt sogar, soweit ich das mit meinem verlustig gewordenen Geschmackssinn beurteilen kann. Möglicherweise trank ich gerade eine kleine Fliege mit, was ich allerdings nicht wegen eines eventuellen Fliegengeschmacks im Kaffee erkannte. Vielleicht war es aber auch Kaffee mit Fruchtfleisch. Man weiß es nicht.

Vor etwa einer halben Stunde verschwand die Frau, die in unserer Wohnung lebt, in der Küche. Nun registriere ich einen Duft, der ein schlechtes Gewissen in mir weckt. Sie kocht Suppe. Und ich sitze hier und tue nichts. Obwohl ich könnte, denn so schlecht geht es mir nicht mehr. Ich höre lediglich schlecht. Das teilte ich ihr gerade mit, um vielleicht auch vor mir selbst zu rechtfertigen, warum ich so untätig bin. Ihre Antwort, dass das nichts mit meiner Erkältung zu tun habe und ich ihr auch ansonsten gelegentlich nicht zuhöre, überhörte ich, weshalb ich nicht sagen kann, was sie mir antwortete. Ich höre nunmal schlecht im Moment. Weil ich ja krank bin.

Aber immerhin nicht mehr tot. Das ist doch schonmal was.


Krank zu sein liegt aktuell im Trend. Ich war aber schon lange bevor es cool wurde krank. Und ich war schon lange bevor Mark Zuckerberg es cool fand bei Facebook.

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7 Kommentare

  1. Du bist ein Held!

    Still vor sich hin leidend, darbend, dem Unvermeidlichen unerschrocken in die hässliche Fratze starrend, stumm all die unmenschlichen Prüfungen erduldend….

    Und wieder auferstanden, dem Hades entsprungen.

    Im alten Glanze die Rüstung übergezogen, wider das Böse fechtend, mit dem wieder gefundenen, altgestählten Mut des unbezwingbaren Heroen zu Felde ziehend..

    Bei Fuckebook, im Aldi, zu Hause. im Blog

    Ach, wär ich doch nur aus solchem Holze geschnitzt. Und nicht aus Preßspan von Ikea

    Gefällt mir

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