Das Geheimnis guten Urlaubs – Hinweise auf menschliche Aktivität

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Die Vorgeschichte:

Unser Urlaub in der Eifel wird morgen eine Zäsur erfahren, was wir heute nicht wissen können, weil wir nicht hellsehen können. Das versetzt uns in die ultimative Lage, den Urlaub wie gewohnt fortzusetzen. Wirft aber vor allem eine Frage auf: Was zum Teufel heißt eigentlich „Urlaub“? Mehr dazu nächstes Jahr in meinem neuen Blog Alt- und Mittelhochdeutsch-Bloque.

Oder auch gleich hier. Das Verb „irlouben“ aus dem Althochdeutschen und später das Verb „erlouben“ wurden später im neuhochdeutschen zu „erlauben“. Das ist unfassbar interessant, weil es nichts mit „Urlaub“ zu tun hat, denkt sich der eine oder andere. Nun ist es aber so, dass man früher wie heute die Genehmigung seines Arbeitgebers brauchte, sich zu entfernen. Im Althochdeutschen sprach dieser dann die „urloub“ (Substantiv zu „irlouben“) und im Mittelhochdeutschen die „urloup“ aus: die Erlaubnis, sich zu entfernen.

Wir bekommen gerade Urlaub von einer spontanen Rundwanderung auf den Spuren des hiesigen Adels und entfernen uns in Richtung eines alten Höhlensystems, das teilweise begehbar ist. 

Wir fahren eine Weile auf teils unangenehm schmalen Straßen in verschiedene Richtungen. Ich verliere irgendwann die Orientierung und vermute uns mittlerweile im französischsprachigen Raum Kanadas.

„Sind wir bald da?“, frage ich quengelig und weise darauf hin, dass sich die Natur bei mir meldet.

„Vielleicht. Keine Ahnung. Ist es dringend?“, fragt sie.

Ich wippe mit zusammengepressten Beinen auf meinem Sitz vor und zurück und verdrücke eine Träne.

„Nein. Es geht noch.“, presse ich mit der Souveränität eines 30-jährigen Mannes zwischen den Lippen hervor.

Kurze Zeit später erreichen wir den Parkplatz, der wohl zu einem nahegelegenen Hotel gehört, was uns egal ist. Wir haben Urlaub und damit die Erlaubnis, uns dorthin zu entfernen, wo es uns recht ist. Wir steigen aus und bemerken, dass wir neben einem Wagen stehen, der aus derselben Stadt stammt wie wir. Wir steigen wieder ein und stellen uns um. Im Urlaub wollen wir nicht Zusammengehörigkeit demonstrieren und ich dirigiere die Frau, die in unserer Wohnung lebt, neben ein Auto aus Spanien.

„Das ist das Kennzeichen für Stuttgart.“, weist sie mich auf meinen Fehler hin.

Ich weigere mich, das anzuerkennen, schließe die Augen und wiederhole langsam und eindringlich meine Bitte, dass sie den Wagen neben das Auto mit spanischem Kennzeichen stellen möge. Sie gehorcht.

Als wir aussteigen, orientieren wir uns kurz und wählen den einzigen zur Verfügung stehenden Weg, der uns entlang von Feldern und Weiden in immer dichteres Gestrüpp führt. Irgendwann führt ein Weg rechts den Hang empor in den Wald. Ein paar Meter weiter steht ein älteres Ehepaar und brütet über einer Karte. Um ja nicht den Eindruck zu erwecken, dass auch wir nicht wirklich sicher sind, wo es weiter geht, gehen wir einfach geradeaus.

Nach zweihundert Metern endet der Weg plötzlich. Wir drehen uns um und sehen das ältere Ehepaar den steilen Waldweg emporschleichen. Wir warten noch kurz, bis wir uns sicher sind, dass sie uns nicht mehr sehen können, gehen dann zunächst den falschgelaufenen Weg zurück und nehmen ebenfalls den Abzweig in den Wald. Mit einer minimal niedrigeren Geschwindigkeit als wir kämpft sich das ältere Ehepaar den Weg hoch. Damit die Zeit, in der uns dieses Paar im Nacken sitzt, möglichst kurz gerät, beschleunigen wir ein wenig und erreichen bald eine weitere Weggabelung. Da wir keine Karte haben, hole ich mein Handy heraus und orte uns per GPS. Unser Ziel wird glücklicherweise auch angezeigt, nicht aber die Wege, weshalb wir unseren weiteren Weg nach Gutdünken wählen.

Es ist der richtige Weg und er hat keine Höhepunkte. Ein Wanderweg durch den Wald. Irgendwann lichtet sich die Bewaldung und wir finden uns in einer Landschaft wieder, die von kleinen Senken und Hügeln geprägt ist. Eine dort herumstehende Schautafel macht uns nicht schlauer, weil sie keine Schautafel enthält. Ein paar Meter weiter finden wir eine grobe Übersicht über das Gelände. Hier existieren seit etwa 600.000 Jahren Höhlen, die seit etwa 2.000 Jahren vom Menschen genutzt werden.

Durch einen Vulkanausbruch vor 600.000 Jahren entstanden Hohlräume, die im Laufe der Zeit von Tieren bewohnt und vom Menschen unter anderem bis ins 19. Jahrhundert als Abbaugebiet für Mühlsteine genutzt wurden. Weil die Höhlen im gesamten Jahr eine recht konstante Temperatur zwischen -1 und +4 °C haben, wurden sie als Kühllager verwendet und im Zweiten Weltkrieg zum Zufluchtsort der umliegenden Bevölkerung. Dass die Höhlen so kühl bleiben, liegt an ihrem Aufbau. Das umliegende Gestein ist porös und feucht, was Verdunstungskälte begünstigt. Die Eingänge liegen verglichen mit dem übrigen Verlauf des Höhlensystem recht hoch, weshalb die Kälte nicht entweichen kann.

Wir wandern die Umgebung ab und müssen irgendwann erkennen, dass wir nicht die ersten hier sind und waren. Von Weitem hören wir Kinder kreischen und stoßen neben einem Busch auf einen recht kleinen Kuhfladen, den die Kuh wohl recht gesittet mit einem Taschentuch bedeckte. Folgerichtig scheint dieser Kuhfladen nicht von einer Kuh zu sein, denn die benutzen keine Taschentücher. Einige Insekten scheint es zu freuen. Wir sind einigermaßen ernüchtert.

Wir versuchen, die Entdeckung zu relativieren, indem wir uns vor Augen führen, dass der- oder diejenige immerhin keine für die Natur schwer verdaulichen Dinge hinterließ. Tachentücher und Ausscheidungen verschwinden irgendwann. Wenn man dann aber weitergeht und an beinahe jeder Stelle, die schwer einzusehen ist, Taschentücher mit teils eindeutigen Gebrauchsspuren findet, wird es etwas widerlich.

img_2733_01Wir suchen den ersten Höhleneingang, der allerdings vergittert ist, um in den Herbst- und Wintermonaten die dort überwinternden Fledermauspopulationen zu schützen. Offenbar spielte hier mal jemand das Spiel, wer seinen Müll am weitesten in die Höhle werfen kann. Wir gehen weiter und finden einen weiteren vergitterten Höhleneingang. Eine Höhle soll wohl dauerhaft begehbar sein, weshalb wir uns im Vorfeld zwei Taschenlampen besorgten, um nicht auf den Vorblitz unserer Kamera angewiesen zu sein.

Irgendwann stehen wir vor einem Loch im Berg, aus dem uns ein kalter Wind entgegenweht, als wir uns nähern. Während ich noch zögere, ist die Frau, die in unserer Wohnung lebt, schon in der Dunkelheit verschwunden. Ich gehe ihr hinterher und finde mich wenige Meter später auf allen Vieren wieder, weil die Decke an einer Stelle recht niedrig ist und man sie nur gebückt passieren kann. Da ich noch den Rucksack trage, muss ich noch weiter auf den Boden. Danach ist es schon beinahe stockfinster und arschkalt. Ein paar Meter vor mir fotografiert die Frau, die in unserer Wohnung lebt, schon die ersten Dinge. Wir arbeiten uns weiter vor. Links und rechts führen weitere Stollen tiefer in den Berg hinein. Allerdings sind diese mit Geröll versperrt. Das hindert die Frau, die in unserer Wohnung lebt, nicht daran, einen Blick zu riskieren, wie es dahinter weitergeht.

Während sie oben auf dem Geröll liegt und mit ihrer Taschenlampe durch den kleinen Spalt zwischen Felsen und Höhlendecke in die Unendlichkeit hinter der Barriere leuchtet, hoffe ich, dass es ihr nicht gelingt, dorthin zu gelangen. Ich bin froh, dass sie irgendwann wieder heruntergeklettert kommt. Zwischendurch drehe ich mich immer wieder um und vergewissere mich, dass niemand oder nichts hinter mir steht. Es ist totenstill hier unten. Unsere Geräusche verursachen keinen langen Hall. Zwischendurch tropft es von der Decke. Irgendwann endet der Gang und wir stehen vor einer Wand, an der noch recht deutlich die Spuren der Menschen zu sehen sind, die bis vor ca. 200 Jahren hier die Mühlsteine aus dem Berg lösten.

Dadurch, dass das hier Vulkangestein ist, das nach seinem Austritt aus dem Krater schnell erstarrte, finden wir nur gelegentlich kleine Mineralien in den Wänden. Oftmals erkennt man in erkalteter Lava nicht wirklich viel, aber je langsamer Lava abkühlt, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich die chemischen Bestandteile in ihrer typischen Struktur anordnen können. Ähnlich wie bei verschiedenen Flüssigkeiten. Mischt man Wasser mit Öl, schüttelt es durch und friert es in wenigen Augenblicken ein, bleibt es trüb. Je mehr Zeit die Flüssigkeiten haben, desto deutlicher trennen sie sich. Lava ist letztlich eine Suppe diverser verflüssigter Mineralien, die bei langsamem Abkühlen ihre jeweiligen Formen annehmen können. Die übrigens immer gleich ist. Ein reiner Quarzkristall hat immer dieselbe Form, mit den immergleichen Winkeln. img_2753_01Die Chemie handelt also nach einem Plan.

Unser Plan sieht vor, dass wir eine Mutprobe durchführen. Wir wollen auf ein Zeichen hin unsere Taschenlampen ausschalten und fünf Sekunden in der absoluten Dunkelheit aushalten. Wir stellen uns einander gegenüber, zählen runter und plötzlich ist alles weg.

Ich höre nichts, ich sehe nichts. Ich merke nur, wie die Dunkelheit mit immer weiter zuleibe rückt. Die Dunkelheit und das, was sich mein Gehirn im Schwarz der Höhle an Wesen vorstellen kann, die hier leben. Leben hier Bären? Deren Mimik ist nicht zu durchschauen. Ich würde Probleme damit haben, die Absichten eines Bären zu deuten. Wie sollte ich uns beschützen? Haben wir die Salamettis als Proviant eingepackt? Fressen Bären Salamettis? Verdammt! Viele Bären sind Allesfresser und ernähren sich überwiegend von Grünzeug. Hat die Frau, die in unserer Wohnung lebt, vielleicht einen Apfel eingepackt? Mit dem Apfel könnte ich den Bären ablenken. Ist die Frau, die in unserer Wohnung lebt, überhaupt noch da? Ich schalte die Taschenlampe wieder ein.

„Hey! Das waren keine fünf Sekunden!“, kritisiert sie meine Unfähigkeit, Zeiten korrekt einzuschätzen.

„Doch, doch. Weiß du, die Zeit vergeht einfach viel schneller, wenn man Spaß hat.“, kläre ich sie auf.

Wir machen uns auf den Rückweg und sind überrascht, dass wir nach einer sehr kurzen Zeit wieder im Hellen sind. Dieser Gang war vielleicht 50 Meter lang, auf dem Weg hinein kam er mir deutlich länger vor.

Als wir wieder am Parkplatz ankommen, dämmert es schon eine Weile. Wir setzen uns ins Auto und fahren los. Nach kurzer Zeit bemerke ich einen unangenehmen Druck im Unterbauch. Ich verkrampfe, presse die Beine zusammen und drehe den Kopf mit einer entschuldigenden Miene zur Frau, die in unserer Wohnung lebt. Sie schaut irritiert zu mir.

„Was ist los? Ist alles in Ordnung?“, fragt sie besorgt.

„Ja, also nein. Also…sind wir bald da?“


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