Das Geheimnis guten Urlaubs – Man sollte Urlaube feiern, wie sie fallen

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Die Vorgeschichte:

Hinter uns liegen Tage des Grauens. Wir besuchten Höhlen, in denen man Überreste von Lebewesen fand, standen in Senken, in denen sich vor einiger Zeit die Hölle auftat, entdeckten Orte, die der Anbetung heute nicht mehr akzeptierter Götter dienten. Für streng gläubige Katholiken und Kreationisten muss die Eifel ein Problemfall sein. Ein Ort, der um jeden Preis gemieden und nicht thematisiert werden sollte. Geologie, Plattentektonik, Vulkanismus und Funde, die ausgestorbene Tier- und Menschenarten und somit die Evolution belegen. Ich weiß nicht, wie Kreationisten zu Spinnen stehen, aber davon gab es auch eine Menge.

Nun sind wir wieder zuhause. Früher als geplant, was uns schon am Abend unserer Heimkehr nicht mehr wirklich traurig stimmte. Denn obwohl das Ende unseres Eifelurlaubs vier Tage früher als geplant erfolgte, nahmen wir uns vor, in Düsseldorf weiterzuurlauben. Am einem Mittwochabend – kurz nach meinem rätselhaften Kurztrip nach Hause, der noch zu erörtern sein wird – erreichte uns die Nachricht, dass wir heimkehren müssten. Am Donnerstagmittag fuhren wir ab, besichtigten noch eine Höhle und wählten eine Irrfahrt über Land nach Hause, um die Autobahn zu meiden. Eine Abenteuerheimfahrt. Aber eben kein Urlaubsende. Das hatten wir uns vorgenommen.

Es ist Freitagmorgen und ich werde davon wach, dass unser Telefon nicht klingelt. Das hat Seltenheitswert. Das klingelnde Telefon löst beim schlafenden Autor dieser Zeilen (ein abgelutschter Ausdruck, aber was Besseres fällt mir gerade nicht ein) ähnliche Gefühle aus wie ein klingelnder Wecker, Laubbläser auf der Straße oder eine Katze, die irgendwas im Schlafzimmer vernichtet, um unsere Aufmerksamkeit zu erregen. Nichts davon ist zu hören, weshalb ich wach werde. Ich bin ausgeruht. Seit mehreren Wochen hatte ich nach dem Aufwachen Kopfschmerzen. Vorgestern, am Mittwochmorgen, bin ich das erste mal seit langem ohne Kopfschmerzen aufgewacht. Nach der dritten Nacht in der Eifel nämlich. Irgendwas scheint dem Körper wohl gutgetan zu haben.

Umso besser, dass sich das zurück in Düsseldorf fortzusetzen scheint. Denn wir haben Pläne. Wir wollen der Stadt entfliehen und unsere Forschungsexpeditionen fortsetzen. Wir wollen wandern gehen und recherchierten am Vorabend bereits einige Möglichkeiten der Stadt- und Zivilisationsflucht. Da uns ein Freund schon vor längerem einen Abstecher in ein nahegelegenes Tal (ja, in der Nähe von Düsseldorf gibt es Täler) empfahl, wird das unser erster Zielpunkt.

Gegen Mittag fahren wir an den östlichen Stadtrand Düsseldorfs, parken den Wagen, den wir nach wie vor urlaubsbedingt im Tausch für unser altes und mittlerweile auch alterndes „Viech“ benutzen, auf einem großen Parkplatz, überprüfen unseren Proviant, zurren das feste Schuhwerk fest und ziehen wenig später an Kleingärten vorbei.

„Schön ist es hier.“, gebe ich sarkastisch zu Protokoll.

„Sollen wir umkehren?“, fragt die Frau, die in unserer Wohnung lebt.

„Also die 30 Meter gehe ich jetzt nicht mehr zurück zum Auto.“

Tatsächlich ist es vielmehr so, dass wir extrem gelassen sind. Im Alltag kommt das nicht wirklich zum Tragen, weil der Zeitraum zwischen zwei Terminen damit überbrückt werden muss, sich zu beeilen. Heute und auch in der Eifel treibt uns nichts an. Außer vielleicht die sinkende Sonne. Wenn es dunkel ist, würden wir gern wieder zuhause sein.

img_2892_sw_01Wie man uns auf einer Plattform für Wanderwege in NRW empfahl, wählen wir den Gang dieses Rundwegs mit dem Uhrzeigersinn. Dadurch läuft man zunächst zwar in urbanen Gefilden, hat anschließend aber bis zum Schluss nur noch Wald, Sumpf und Felder vor sich. Und so ist es auch. Nach einem ersten kurzen Anstieg liegt die Stadt hinter uns und ist kaum mehr zu hören. Obwohl es kalt ist, schwitzen wir. Plötzlich sind wir tatsächlich im Urlaub. Vor uns liegen weite Felder in einer geschwungenen Landschaft. Hier und da ein paar Häuser, vereinzelt mal ein Hof. Manche stehen seit über 500 Jahren hier. Vor einigen Jahrhunderten dürfte der Anblick dieser Landschaft bei jedem Naturromantiker Entsetzen ausgelöst haben. Die schöne Landschaft so verschandelt! Heute freuen wir uns über die Agrarwirtschaft, weil sie verglichen mit den Schornsteinen der Industrie sowohl optisch als auch olfaktorisch das geringere Übel darstellt.

Weil wir keine Karte haben, nutzen wir die unendliche Weisheit unserer Handys. Ein Kompromiss. Wir wollten im Urlaub jede Unterhaltungselektronik meiden, machten aber bei den Smartphones aus diversen Gründen eine Ausnahme. Deshalb lud ich mir zuhause die Streckendaten dieses Rundwanderweges auf die elektronische Hand-Fußfessel, die sich mit Google Earth öffnen ließen. Allerdings kann die App den aktuellen Standpunkt nicht in Echtzeit darstellen. Das funktioniert nur, wenn ich parallel Google Maps geöffnet habe und dort meinen Standpunkt aktualisiere. Dann erst tut es ihm Google Earth gleich. Kurz vor Ende dieser Wanderung wird mein Handy seine letzten Energiereserven darauf verwenden, das Abschiedslogo anzuzeigen.

img_2881_01Auch wenn die Eifel rein geologisch mehr zu bieten hatte, ist dieser Weg alles andere als langweilig. Irgendwann befinden wir uns auf einem Hohlweg, der auf dem Rücken eines Hügels verläuft und den schon Reisende im Mittelalter nutzten, um mit ihren Karren nicht im sumpfigen Tal steckenzubleiben. An manchen Stellen soll man sogar noch alte Spurrillen sehen können, die man damals in den Felsen schlug, um die Karren auf Kurs zu halten. Während ich den Weg hinunterschaue, ist die Frau, die in unserer Wohnung lebt, mit dem Besteigen der Böschung beschäftigt. Sie entdeckte ein Loch. Vermutlich ein Bau.

Die folgenden Kilometer legen wir im Sumpf zurück, der sich schon einige Bäume einverleibt hat, deren Wurzeln im weichen Boden keinen Halt mehr fanden. Viele Bäume sind dann beleidigt und fallen einfach um. So sind sie, die Bäume. Und so liegen sie teilweise quer über dem Weg und zwingen uns in die Knie. Der Wald zu unserer Linken wirkt dagegen recht aufgeräumt. Durch die Forstwirtschaft kann man tatsächliche Urwälder in Deutschland lange suchen. Woanders überlässt man das Kommen und Gehen img_2929_01„raumübergreifenden Großgrüns“ sich selbst. Hierzulande leben aber zu viele Menschen und da spielt die Haftung für eventuelle Verletzungen eine größere Rolle als beispielsweise in Schweden, wo die Natur ihr eigenes Ding macht. Natur und Wildnis in Deutschland unterliegen klaren Richtlinien. Vielleicht ist das auch ein Auswuchs unserer Zeit.

*klingelingelingelingelinge….* „Stadtverwaltung Düsseldorf, Schnopp ist mein Name. Was kann ich für Sie tun?“

„Ja, guten Tag. Also ich stehe hier gerade im Rotthäuser Bachtal. Nun…also irgendwie…ich hatte mir diese Natur etwas anders vorgestellt. Nicht so unbequem. Können Sie da nicht mal was tun? Ich habe mir gerade zum Beispiel den Kopf an einem Ast gestoßen. Anzeige ist raus. Handeln Sie also!“

Wobei das kein post-modernes Phänomen ist. Englische Gärten und Parkanlagen, die im 18. und 19. Jahrhundert entstanden, sollten zwar die Natur imitieren, gerieten aber sehr steril. In Goethes Wahlverwandtschaften wird eine zugewachsene Parkanlage umgestaltet, damit sie natürlicher wirkt. Es passiert noch ein wenig mehr, aber das erfahrt ihr erst, wenn ich meine Masterarbeit hier als epochalen Mehrteiler veröffentlichen werde.

Vom gegenüberliegenden Hang hören wir Menschen laut reden. Dass Menschen manchmal laut reden müssen, wo es unnötig ist! Als wollten sie der Umwelt mitteilen, dass sie nun da seien. Wir ziehen weiter.

img_2915_01Nach einem kurzen Aufstieg stehen wir oberhalb einer Senke an deren tiefstem Punkt sich ein Hof befindet. Hinter dem Hügel auf der anderen Seite erahnt man die Stadt, ohne sie sehen zu können. Aber dort muss sie liegen. Man hört sie schon. Wir ziehen weiter und suchen nach dem Geheimtipp, den man uns ans Herz legte: einen alten jüdischen Friedhof. Wir finden ihn, nachdem wir eine Weile unter lebensbedrohlichen Bedingungen („Hier liegen ja ü-ber-all Stöcke rum!“) abseits des Weges durch das Laub wateten. Er ist klein und umzäunt. Nur 50 Gräber befinden sich hier und seit etwa 80 Jahren ist er unbenutzt. Hier kommt normalerweise niemand vorbei. Davon zeugen Moos und Laub auf Grabsteinen und Gräbern. Früher aber muss es so gewesen sein, dass man von weiter unten aus der Stadt hoch in diesen schattigen Taleinschnitt ging, um diesen Flecken Erde zu besuchen. Das ist lange her.

Kurze Zeit später hat uns die Stadt wieder. Es ist laut. Gerade kam ein Reisebus an und dieser spuckt nun Menschen auf den Bordstein. Dann stehen wir wieder auf dem großen Parkplatz. Wir sehen aus wie die Schweine. Sumpfig war es. Die Reinigungskosten unserer Klamotten werde ich der Stadt Düsseldorf in Rechnung stellen.


Oh! Schau mal da unten! Soziale Medien!


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