Die Unterhaltung – Apfelkorn, ein Schiff und eine Kaimauer

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„Du, wir müssen uns mal unterhalten“, sagt die Frau, die in unserer Wohnung lebt, als ich abends nach Hause komme, woraus ich schließe, dass sie sich mit mir unterhalten möchte.

Diesen Schluss teile ich ihr mit.

„Ich fühle, dass Du Dich mit mir unterhalten möchtest.“

„Ja.“, entgegnet sie. „Das spürst Du, weil ich es Dir gerade sagte.“

„Du musst ja nicht gleich so schreien.“, antworte ich.

„Ich schreie doch gar nicht. Ich möchte mich doch nur mit Dir unterhalten.“

Sich mit jemandem unterhalten zu wollen, ist oftmals keine angenehme Sache. Beziehungen enden auf diese Weise – mit einer „Unterhaltung“. Politiker entfachen Kriege in „Unterhaltungen“. Mario Barth – manche nennen auch sein Schaffen „Unterhaltung“. Und manchmal fördern Unterhaltungen unangenehme Wahrheiten zutage. Etwa wenn meine Eltern mich nach einer – der ersten! – alkoholischen Grenzerfahrung morgens um 13 Uhr aus dem Bett holen, weil sie sich mit mir „unterhalten“ wollen.

Die Party begann um 19 Uhr. Gegen 20.30 Uhr lieferten mich die Eltern der Gastgeberin wieder zuhause ab, weil ein kurzer Moment der Schwäche für Apfelkorn dafür sorgte, dass Menschen auf einem Schiff gefangen waren. Die Feier fand auf einem im Duisburger Hafen festliegenden Museumsschiff statt. Eine Treppe führte die Kaimauer hinab und von dort gelangte man aufs Schiff. Der einzige Zugang. Gegen 19.45 Uhr war die Treppe unpassierbar geworden. Ich saß oben und dekorierte die Treppe mit einem Gemisch aus Frikadellen, Käsespickern, Spaghetti, Hähnchenschnitzeln, einer Banane und besagtem Apfelkorn – retro-oral.

Eine weitere „Unterhaltung“ folgte eine Woche später, als ich mit Blumenstrauß vor der Wohnungstür der Gastgeberin stand und ihre Mutter um Verzeihung bat. Möglicherweise verzieh sie mir. 03. November 2001 – meine Eltern witzelten noch oft über dieses Datum. Am 04. November 2001 um 13.03 Uhr gab es die „Unterhaltung“, in der auch thematisiert wurde, wie es denn sein konnte, dass ich mich ganz offensichtlich zugeschädelt hatte, aber noch vernünftige Sätze formulieren konnte. Ob ich noch etwas anderes genommen hätte. Hatte ich nicht. Aber ich wusste nun, dass ich wohl so tun kann, als wäre ich nüchtern, obwohl ich es nicht bin.

Ich habe seitdem nicht ein einziges mal mehr Apfelkorn getrunken. Zehn Tage später wurde ich 16 und trank das erste mal im Beisein meiner Eltern Bier. Das Geheimnis ist, so zu tun, als würde man diesen herben Geschmack ganz eigenartig und völlig unbekannt, ja beinahe unappetitlich finden. Ich blickte verwundert auf die Flasche, tat, als würde ich das Etikett erforschen auf der Suche nach einer Erklärung des Geschmacks dieses sonderbaren Gebräus. Meine Eltern kauften es mir nicht ab.

„Hörst Du mir eigentlich zu?“, will die Frau, die in unserer Wohnung lebt, von mir wissen.

„Ja?“, antworte ich und befürchte, etwas Wichtiges verpasst zu haben.

Sie möchte sich unterhalten…nur worüber möchte sie sich unterhalten? Habe ich mir etwas zu Schulden kommen lassen? Ich koche in letzter Zeit selten, aber das wirft sie mir nicht vor. Oder vielleicht ist sie ja gar nicht…

„Bin ich adoptiert?!“, frage ich schockiert.

„Was?!“

„Wenn es zu ernsten Gesprächen oder ‚Unterhaltungen‘ kommt, geht es um Trennungen oder den Umstand, dass jemand adoptiert wurde. Bin ich also adoptiert?“

„Woher soll ich das denn wissen?! Das sind Fragen, die am ehesten Mütter beantworten können“, sagt die Frau, die in unserer Wohnung lebt, leicht genervt.

„Bist Du meine…“

„NEIN!“

Ich rufe meine Mutter an. Wir unterhalten uns über diverse Dinge – die Arbeit, was die Omma so treibt und wie es allen so geht. Es geht allen gut. Dass ich adoptiert bin, sagt sie nicht. Ich frage auch nicht danach. Das reicht mir als Antwort. Nach einer Viertelstunde legen wir auf.

„Also, Frau, die in unserer Wohnung lebt: Ich scheine nicht adoptiert zu sein.“, verkünde ich erleichtert.

„Gut, können wir uns dann jetzt unterhalten?“, fragt sie.

„Ich höre.“, antworte ich und grabe meine Fußnägel vor Anspannung in die Schuhsohlen.

„Es ist ja schön, dass Du seit einigen Monaten nicht mehr so viele unsägliche Wortspiele vom Stapel lässt. Insofern bin ich echt froh, dass Du Deinen Wahnsinn in der Agentur ganz gut kanalisiert bekommst.“

„Das ist sehr freundlich. Es ist auch sehr freundlich, dass Du mich nicht mehr mit Taschentuchpackungen bewirfst.“, antworte ich.

„Aber“, fährt sie fort, „Du musst auch mal wieder was für den Dampfbloque schreiben. Bald ist schon wieder der erste Montag des Monats. Wenn bis dahin nichts Neues kommt, stehen auf der Startseite zwei Montags-/Monatsmalerinnen untereinander.“

Daher weht also der Wind.

„Ich sitze den ganzen Tag an einer Tastatur, da bin ich abends ganz froh, wenn mal keine zu sehen ist. Außerdem weiß ich nicht, worüber ich schreiben soll. Ich habe viele Ideen, aber keine reicht für einen kompletten Beitrag.“, entschuldige ich mich und ahne, dass das keine Entschuldigung ist.

„Der Marktführer haut doch auch einen Artikel nach dem anderen raus.“

„Ja gut, der ist halt Moderator…“

„Was soll das denn heißen?“

Ich weiß es selbst nicht.

„Sogar die kritikale Pixie ließ neulich durchblicken, dass sie auf Neues vom Dampfbloque warte. Schreib doch die Scheuren-Saga zu Ende.“

„Nein, da muss ich in der richtigen Stimmung für sein. Das Ende wird episch!“, entgegne ich und trete mir innerlich in den Hintern dafür, dass ich mir selbst so großen Druck aufbaue.

„Dann schreib halt irgendwas, das Dir gerade in den Sinn kommt. Klappt doch sonst auch.“

„Aber worüber? Mir fällt nichts ein.“

„Wie wäre es denn mit diesem Dialog?“

Ihre Worte hallen in meinem Kopf wider. Vielleicht keine schlechte Idee. Also setze ich mich hin und schreibe die ersten Worte, die da lauten:

„Du, wir müssen uns mal unterhalten“, sagt die Frau, die in unserer Wohnung lebt, als ich abends nach Hause komme…


Wer wissen möchte, wie es weitergeht, hat zwei Optionen. Option A: Hier klicken. Option B…nein, war doch nur eine Option. Also nehmt am besten Option A.


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